Da wo ich bin, bin ich richtig
Ihre Leidenschaft: Chancengleichheit umsetzen
Es ist mehr als 10 Jahre her. München. Ich bin auf einem Kongress für Businessfrauen – Frauen, die in der Karriere ihren eigenen Weg gehen. Gleich geht’s los. Rechts vorn im Publikum steht ein Kinderwagen. Darin unsichtbar ein Baby. Ganz normal, oder? Das Kind wird laut, das Publikum unruhig. Der Vater kommt, schiebt den Wagen gelassen nach draußen. Die Mutter betritt die Bühne.
So bin ich Barbara von Graeve zum ersten Mal begegnet.
Später haben wir uns bei LadiesMentoring wiedergetroffen. Strategische Karriere-Beratung ghörte zu unseren Netzwerkangeboten.
Barbara, vor genau zehn Jahren haben wir mit der Strategischen Karriereberatung begonnen. Erinnerst du dich an deine Wünsche von damals?
Zu dem Zeitpunkt war ich fast ein Jahrzehnt in einem großen Unternehmen angestellt. Mein Mann und ich hatten unsere erste Tochter bekommen. Nach sieben Monaten wollte ich Vollzeit zurückkommen. Man bot mir freundlicherweise einen Aufhebungsvertrag an.
Keiner braucht eine Mutter mit Kleinkind
Da wurde es echt schwierig. In meinem jugendlichen Leichtsinn hatte ich erwartet, dass ich irgendwie schon neuen Job bekommen würde. Aber ich war jetzt Mutter mit einem sehr kleinen Kind… Da hat keiner gesagt: „Ach Barbara, komm doch bitte zu uns.“
Als ich dann etwas gefunden hatte – der Inhaber hatte nicht mal gefragt, wie alt mein Kind ist – war das leider fürchterlich, ich realisierte schnell: kompletter Fehlgriff meinerseits. Heute weiß ich, dass der nur passiert ist, weil ich so verzweifelt war. Doch damals war ich getrieben davon, bloß schnell wieder irgendetwas zu finden. Als ich dann zum zweiten Mal schwanger war, war mir sofort klar: Dahin will ich nie wieder zurück!
In der Zeit kam mir der Gedanke, dass es für mich keinen Sinn macht, angestellt zu sein. Meine Idee: „Ich mache mich selbstständig.“ Was ich am besten konnte, waren Veranstaltungen – also hab ich losgelegt. Doch auch relativ schnell gemerkt, dass Veranstaltungen zu konzipieren, begleiten, vermarkten mit der Zeit etwas war, das mich morgens überhaupt nicht aus dem Bett getrieben hat.
Der Anfang. “Ich weiß, was es nicht mehr ist.”
Das war meine Ausgangsbasis: ich wusste, was es NICHT mehr ist. Doch was stattdessen sollte es sein?
Als mich meine liebe Freundin Monika Scheddin fragte, ob ich Teil des Marie von Mallwitz Verlages sein möchte, habe ich ja gesagt. Doch mit zwei Kindern brauchst du auf absehbare Zeit doch ein stabiles Einkommen. Und Bestseller lassen sich nicht wirklich planen – da war das Verlagswesen auf lange Sicht nicht die richtige Entscheidung.
Meine Leidenschaft. Frauen in Führung
Dabei begleitet mich das Thema „Frauen in Führung“ schon seit ungefähr 2009. Schon im Konzern dachte ich mir: Wir sind hier in der Gesellschaft gefühlte 80 Prozent Frauen, trotzdem sind in den Führungspositionen nur Männer. Das wurde zu meinem Startpunkt, ein Frauennetzwerk für Frauen in der Kommunikations-Branche zu gründen. Ich habe dafür Sponsoren gefunden. Sobald ich etwas gemacht habe, was auch Geld gebracht hat, hatte ich die Unterstützung meines Geschäftsführers. Doch mit dem Aufhebungsvertrag musste ich das leider zurücklassen.
Vom ersten Moment, in dem mich das Thema „Frauen in Führung“ wirklich gepackt hat, wollte ich viel mehr verstehen, welche Mechanismen da laufen. Zu der Zeit war der Tenor, dass es die Frauen sind, die einfach nur kapieren müssen, wie die Systeme funktionieren. Die Frauen müssten sich halt „besser anpassen“.
Ein fester Händedruck macht keine Karriere
Damals gab es noch diese Kurse, in denen du einen festeren Händedruck gelernt hast, damit dein Gegenüber denkt: „Oh, die kann sich aber durchsetzen.“ Das war es auch nicht, was ich wollte. Die Frage blieb: „Was dann? Und wie?“

Du hast damals überlegt, eine Dissertation zu schreiben. Wolltest herausfinden: 1. Zu welchem Thema? 2. Wie organisiere ich das? Doch dann haben wir – mit ein paar unbequemen Fragen – herausgefunden worum es wirklich geht: Ist eine Dissertation überhaupt der richtige Weg für dein Ziel?
Ich wurde das Gefühl nicht mehr los, dass ich jetzt endlich aus dem Quark kommen muss. Zu sehen, wie viele offensichtliche Fragen es gibt, die ich für mich noch nicht beantwortet hatte – das hat mich zu Beginn unserer Zusammenarbeit schon ein bisschen frustriert. Und als Coach warst du in deiner Vehemenz schon eine echte Nervensäge [lacht].
Greifen wir vor – du hast dich später entschieden, nicht in die Dissertation zu gehen. Erinnerst du dich noch, was diese Entscheidung ausgelöst hat?
Irgendwie habe ich diese Entscheidung nie so konkret getroffen. Auch später noch, als ich für den FKi Inclusion for Excellence gearbeitet habe, dachte ich noch, vielleicht ergäbe sich ein Thema, in dem ich tief in die Hintergründe einsteigen und herausfinden kann, welche Mechanismen bewirken, dass unsere Arbeitswelt so aussieht, wie sie aussieht.
Als Frau braucht Karriere mehr als festen Willen
Der andere Antrieb war der Wunsch, meine Kompetenz zu legitimieren. Es hat mich schon beschäftigt, dass ich noch keine tiefe Expertise hatte. Woher auch, ich hatte ja noch nicht auf dem Thema gearbeitet.
Meine Erfahrung: Frauen werden in Unternehmen in allen Funktionen deutlich stärker in Frage gestellt als Männer. Kommt ein Mann mit: „Ich erkläre dir jetzt mal, wie das mit der Diversität funktioniert,“ dann stellt das keiner in Frage. Bei Frauen fragte man damals automatisch: „Ach, kann die das? Wieso denn?“ Deshalb mein Gefühl, dass ich da deutlich mehr brauchte als einen festen Willen.
Heute bist du Principal beim FKi Inclusion for Excellence. Erfolgreich ohne Doktortitel. Für welchen Weg der Expertise hast du dich entschieden?
Ich habe über unser LadiesMentoring-Netzwerk Barbara Lutz, die Gründerin des FKi, kennengelernt.
Für ein Projekt an der TU München suchte sie schon lange nach Trainer*innen, die mit den jungen Doktorandinnen auf verschiedenen Themen arbeiten, ohne ihnen zu erzählen, wie unfair die Welt ist. Sie wollte vermeiden, dass Menschen ihre eigenen schlechten Erfahrungen der Vergangenheit den jungen Frauen aufbürden.
Doch ihre Suche gestaltete sich erstaunlich schwierig. Ich versprach, mich umzuhören, als sie mich um Empfehlungen bat. Bis sie mich plötzlich fragte: „Barbara, könntest du dir vorstellen, diese Workshops zu geben?“
Zugegeben, ich habe ganz kurz gezögert. Doch dann dachte ich an Monika Scheddins wunderbaren Satz: „Erst Ja sagen und dann Schiss kriegen.“
Ab ins kalte Wasser
Also hab ich Ja gesagt. Und im gleichen Moment gedacht: „Gott, was bilde ich mir bloß ein?“ Ich soll Menschen an der TU München – eine der wenigen Elite-Unis, die wir in Deutschland haben – Menschen, die ihren Doktor machen, erzählen, wie man es im Jobleben richtig macht? Und dann noch in Englisch? Da fühle ich mich doch überhaupt nicht sattelfest?
Mit diesem Sprung ins kalte Wasser fing es an. Ich hatte zwar nie zuvor solche Art Trainings gegeben. Doch ich habe mir die Methoden aufgesattelt, und die Themen waren mir ja alle aus dem echten Leben vertraut. Später folgte ein Projekt nach dem anderen. Zum Beispiel führte ich Interviews mit Menschen in Unternehmen, um ganz tief in die gelebten Strukturen, Kulturen etc. reinzuhören. Für mich als Soziologin ist das natürlich super. Ich liebe es.
2020 begann die Pandemie. Unternehmen mussten erstmal die Krise stemmen und machten sich Sorgen, dass Diversität jetzt ins Hintertreffen geriete. Daraus ist der Impact of Diversity Award entstanden. Auch hier habe ich intensiv mitgearbeitet. So habe ich mich von Projekt zu Projekt in alles „reingefressen“, was mir über den Weg lief.
…und hast Expertise ganz praktisch aufgebaut, statt lange zu studieren…?
Ganz genau. Der große Vorteil war, dass Barbara Lutz schon seit 2012 viele Daten und Erfahrungen zusammengetragen hat. Das zu matchen mit meinen Erfahrungen, die ich im Konzern gemacht habe, ergab immer wieder die gleichen Bilder:
- Männliche Kollegen bekommen die Beförderung, weil ihr Potenzial gesehen wird
- Frauen müssen sich zunächst bewähren, um befördert zu werden oder das spannende Projekt übernehmen zu dürfen
- Sobald Frauen Kinder haben, fallen sie durch das Beförderungsraster (Stichwort Verfügbarkeit)
- Frauen, die es in den Top-Level geschafft haben, sind nicht zwangsläufig Unterstützerinnen der weiblichen Talente
Diese vielfältigen Abgleiche von Forschung und Praxis wurden ein super wichtiges Asset.

Was ist der Impact deiner Arbeit und wodurch erreichst du ihn?
Kommen wir nochmal auf die Klarheit über die Dinge zurück, die ich NICHT wollte. Dazu gehörte auch, dass ich auf gar keinen Fall als Coach oder Trainerin an den Frauen herumschrauben wollte.
Ich wollte am System arbeiten, in den Unternehmen. Denn hier liegen die ganz großen Hebel.
Ich will mich nicht mit der Schwiegermutter beschäftigen, die ihrer Schwiegertochter erzählt, sie solle sich doch jetzt erstmal um das Kind kümmern. Aber ich kann mit den Unternehmen daran arbeiten, wie die Besetzungs- und Beförderungsprozesse laufen, wie Transparenz geschaffen wird, wie Rahmenbedingungen, in denen auch Frauen und alle anderen Menschen, die ihre familiäre Verantwortung tatsächlich wahrnehmen, Karriere machen, Verantwortung übernehmen, gestalten werden können.
Genau das machen wir einerseits auf Basis von Zahlen, Daten, Fakten, aus denen Barbara Lutz den FKi Index entwickelt hat. Auf der anderen Seite nutzen wir Tools wie die Tiefenexploration, viel Analysearbeit und viel empirisches Wissen. Denn wir arbeiten so viel mit Unternehmen, dass wir sehr genau wissen, welche Maßnahmen – zum Beispiel Jobsharing oder Teilzeit – gut funktionieren. Welche Rahmenbedingungen und welche Kulturen dafür nötig sind.
Unternehmen sind noch nicht so divers wie nötig
Divers sind die meisten Organisationen ja in irgendeiner Form. Du hast in den Unternehmen Männer wie Frauen, hast verschiedene Staatsbürgerschaften, unterschiedliche kulturelle Hintergründe, Menschen mit Behinderung und Menschen verschiedenen Alters.
Um diese Vielfalt an Perspektiven, Ideen, Expertisen, fürs Unternehmen zu heben und nutzen zu können, dafür brauchst du Maßnahmen, die deine Kultur verändern. Maßnahmen, die die Kultur so gestalten, dass du in Meetings psychologische Sicherheit hast, dass Ideen wirklich auf den Tisch kommen, dass keiner Sorge haben muss, dass sein So-Sein seiner Karriere schadet. Dass nichts versteckt werden muss, weil dieses Verstecken nur Kraft und Energie kostet.
Da sind alle Unternehmen noch nicht da, wo sie eigentlich gerne wären. Jedes Unternehmen hat noch mehr oder weniger Arbeit vor sich.
Deshalb erfassen wir Zahlen überall, wo es möglich ist. Wir schauen zum Beispiel, wie viele:
- Frauen gibt es insgesamt im Unternehmen?
- Frauen haben wir insgesamt in Führung?
- haben wir auf dem Einstiegslevel im nächsten, im übernächsten?
- Menschen mit einer gemeldeten Behinderung?
So dass Erfolge messbar werden.
Zu deinem Leidenschaftsthema „Chancengleichheit umsetzen“, welche gute Geschichte der letzten Jahre zeigt dir, dass du auf dem richtigen Weg bist? Ein Moment, in dem du dachtest: Ja, genau dafür stehe ich jeden Morgen auf?
Wir begleiten eine Organisation, die in einem technischen Bereich 40 Prozent Frauen einstellen will. Die Doppelspitze – Chefin und Chef – zieht das konsequent durch.
Gute Nachrichten verbreiten
Neulich habe ich die Einstellungszahlen gesehen: Die sehen super aus. Meine Ansprechpartnerin sagte, die Chefs wüssten das noch gar nicht im Detail. Mein Rat: gute Nachricht verbreiten! Und natürlich mit der Ergänzung, dass es jetzt so weitergehen muss.
Ich habe vorgeschlagen, eine E-Mail an alle zu schicken: „Wir sind auf einem guten Weg, toller Erfolg, danke an alle. Aber wenn wir ab jetzt nur noch Männer einstellen, landen wir bei 20 Prozent Frauen. Deshalb weiterhin alle Anstrengungen.”
Genau so haben sie es gemacht. Die Chefs haben die Mail an alle im Haus geschickt.
Das habe ich gefeiert – nicht nur, weil der Kunde meiner Empfehlung folgt, sondern weil da echter Wille dahinter ist. Die wollen das wirklich, setzen alles dran und sind bisher total erfolgreich. Die Besetzungsphase läuft noch, wir fiebern alle mit, gerade weil es ein technischer Bereich ist, wo sich alle um die wenigen Frauen streiten.
Stimmt es, dass sich Frauen bei Bewerbungen manchmal selbst im Weg stehen? Wie erlebst du das?”
Ja, manchmal beobachte ich, dass Frauen ein bisschen „komisch“ sind.
Er sagt: „Ja mach ich.“ Sie sagt „Das muss ich zu Hause besprechen.“
Ein Beispiel: Der Vorgesetzte fragt den männlichen Mitarbeiter: “Möchtest du diesen Job, möchtest du diesen nächsten Karriereschritt machen?“ Dann sagen, glaube ich, 85 Prozent aller Männer sofort erstmal Ja. Erst danach fragen sie: „Was heißt das denn eigentlich?“ Sie haben da ein ganz natürliches Selbstverständnis, außer jenen, die sagen: „Danke, ich möchte bitte da bleiben, wo ich bin und nichts anderes!“
Bei Frauen begegnet es mir oft – und ja, ich war früher selbst so – sie sagen: „Also das oh ja, weiß nicht, glauben Sie denn wirklich, dass ich schon so weit bin?“ Oder: „Naja, da muss ich erstmal mit meinem Mann sprechen.“ Oder: „Ach, ich glaube ich bin noch nicht soweit.“ Lauter Selbstzweifel. Männer sagen „Ja, mache ich.“, und dann sagen sie zu Hause Bescheid.
Durch unsere Sozialisation anerzogen, reagieren wir Frauen in Besetzungsprozessen tendenziell vorsichtiger. Aber bevor jetzt der Aufschrei kommt: Selbstverständlich gibt es auch Frauen, die sehr klar sind und niemanden fragen. Hier geht es mir um die übergeordneten Tendenzen im Verhalten.
Ich weiß, du möchtest keine Coach sein. Doch aus deiner Praxiserfahrung: Was gibst du Frauen mit, die sich selbst im Weg stehen?”
Sag deutlich, was du willst
Meine Empfehlung: Sei dir klar darüber, ob du Karriere machen willst! Wenn Ja, und es kommt jemand, der dich fragt, dann sag klar und deutlich „Ich will das!“
Damit tun sich viele Frauen schwer.
Meine Theorie: Frauen werden im täglichen Leben so viel häufiger in Frage gestellt und hinterfragt: unsere Kompetenzen, unser Knowhow, unsere Erfahrung, unsere Ideen. Wir bekommen immer wieder Selbstzweifel eingeimpft. Wenn du dich immer und immer wieder erklären musst, wenn alles, was du sagst, auseinandergenommen und zerpflückt wird, dann geht die Saat der Selbstzweifel irgendwann auf.
Abhängig davon, in welchem Umfeld man sich bewegt, schleicht sich das Gefühl ein „vielleicht kann ich das alles doch gar nicht so gut.“
Das macht was mit den Frauen. Ich höre das gerade wieder bei den Abiturientinnen, die jetzt rausgehen, oder auch bei Doktorandinnen. Dieses: “Ich heirate dann und bleibe auch erstmal zu Hause mit Kindern,“ ist wieder ganz groß im Kommen.
Augen auf bei der Partnerwahl
Da kann ich nur sagen: Augen auf bei der Partnerwahl. Außerdem lohnt sich eine frühzeitige Reflexion darüber, was Karriere für dich bedeutet, was du in deinem Leben wirklich tun und erreichen willst.
Willst du eine horizontale, eine Fachkarriere? Oder eine Schornstein Karriere, hoch hinauf? Das heißt auch immer eine Führungskarriere. Häufig ist es ja immer noch so, dass die, die am besten in dem sind, was sie tun, befördert werden. Das qualifiziert sie aber noch lange nicht dazu, andere Menschen zu führen. Denn Führung heißt auch, Mitarbeitende zu entwickeln und zu fördern. Wenn du dazu keine Lust hast, sondern lieber mit ihnen auf Projekten arbeiten willst, und Führungsaufgaben ein notwendiges Übel sind, solltest du dir dessen bewusst werden.
Was sind die wichtigsten Kriterien für dich? Willst du Macht, Geld und Einfluss – für Frauen häufig nicht so attraktiv. Oder willst du Gestaltungsmöglichkeiten, möchtest deinen Einfluss geltend machen, um Dinge besser zu machen?
Überleg dir auch, welchen Preis du bereit bist, für deine Karriere zu zahlen? Wenn vielleicht das Arbeiten im Ausland dazugehört. Würde dein Partner mitgehen oder nicht? Und so weiter…
Mit Sicherheit findet man jemanden im Unternehmen, der bereit ist, darüber mit dir zu reflektieren, dir Mentor*in zu sein und dich von Erfahrungen profitieren zu lassen.
Zurück zu deinem eigenen Weg… Welche Schlüsselfaktoren haben dir ermöglicht, dort anzukommen, wo du heute stehst? Was war nicht so einfach?
Die Begegnung mit Barbara Lutz war das Glück, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein.
„Wenn ich nichts tue, dann tut sich nichts.“
Gleichzeitig gilt: Wenn ich nichts tue, dann tut sich auch nichts. Immerhin war es zuerst ein Netzwerktreffen, bei dem wir uns begegnet sind, dann meine Initiative, sie nach einer Verabredung zum Essen zu fragen, bei der ich mit Sicherheit auch ein paar kluge Sachen gesagt habe (lacht).
Damals war ich noch beim Verlag, und der Abschied ist mir nicht leichtgefallen. Doch er gehörte zu den Dingen, die ich hinter mir lassen musste, um Raum zu schaffen für das, was ich wirklich wollte.
Eine essenzielle Kompetenz, zu priorisieren und Dinge bleiben zu lassen…
Ganz genau. Auch wenn es mir echt schwergefallen ist. Denn ich enttäusche andere extrem ungern. Deshalb ist mir Erwartungsmanagement immer wichtiger geworden. Ich versuche von vornherein für mich einzuschätzen, was kann ich hier leisten, was kann ich dem anderen versprechen? So bekomme ich von vornherein mehr Klarheit, damit ich später keine Erwartungen enttäusche. Das war ein super Learning für mich, nicht mehr so larifari in etwas reinzumarschieren.
Doch da geht immer noch ein bisschen mehr. Es gibt immer noch Dinge, bei denen ich noch eine extra Schippe drauflege, mehr Zeit investiere als geplant, um Erwartungen zu erfüllen, statt klar zu sagen: “ Sorry, das geht nicht!“
Auf welche Entscheidung auf deinem Weg bist du besonders stolz? Eine, die dir geholfen hat, die zu werden, die du heute bist? Selbst wenn sie vielleicht unbequem war?
Als wir nach Hamburg gezogen sind, habe ich zu meiner damals siebenjährigen Tochter gesagt: „Jetzt ist es soweit. Jetzt kannst du reiten lernen.“ In München war es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, etwas logistisch und finanziell Machbares zu finden.
Dann habe ich meine Tochter ein Jahr lang im Stall die Pony-Runde geführt. Nachdem sie zweimal runtergefallen war, hatte sie keine Lust mehr.
Die beste Entscheidung, die ich für mich getroffen habe
Das war der Moment, in dem ich anfing zu überlegen, ob ich selbst reiten sollte. Meine Schwiegermutter sofort: „Barbara, mach das bloß. Das ist die eine Stunde in der Woche, in der du nur bis zu den Pferdeohren denkst.“
Ich hab es getan. Und am Anfang immer gedacht. „Um Gottes willen, bist du wahnsinnig, dich auf diese riesigen Viecher draufzusetzen. Die rennen ja auch einfach mal los, wenn die sich erschrecken. Das könnte ja auch nach hinten losgehen… Doch tatsächlich genieße ich meine Stunde nur-bis-zu-den-Pferdeohren denken. Ich bin total fokussiert.
Reiten ist wirklich komplex, du musst Arme und Hände unabhängig vom Rest des Körpers haben. Musst ganz viele Sachen gleichzeitig machen. Ich habe oft ganz schrecklich Schiss gehabt vor meiner eigenen Courage. Hab mir mehr als einmal gedacht: „Was tue ich hier eigentlich?“ Hatte auch ganz doofe Stunden, in denen ich dachte. „Jetzt schmeiß ich hin. Ich kann das einfach nicht.“ Und doch macht es mich insgesamt so happy. Beim Reiten lernst du viel übers Führen, über dich selbst und darüber, wie du wachsen kannst.
Das war die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe.
What a wonderful story, liebe Barbara, großartig. Danke fürs Teilen.
Und weil wir bei Geschichten sind… unsere Zusammenarbeit ist ja schon eine Weile her… was ist dir von meiner Art zu Coachen in Erinnerung geblieben? Außer, dass ich einem ganz schön auf die Nerven gehen kann?
Ich selbst könnte nicht als Coach arbeiten, ich würde zu schnell Ratschläge geben, das fällt mir leicht. Doch genau das soll man ja nicht. Du kannst dich dagegen sehr gut zurückhalten. Fragen stellen. Zuhören.
Bequem ist dein Coaching nicht
Vielleicht hätte ich damals gern ein paar einfache Antworten gehabt.
Doch du hast mir in jeder Session neue Fragen gestellt. Bist mit mir drangeblieben, diesem „Wohin soll es denn gehen und wozu?“ ganz tief auf den Grund zu gehen. Und du hast da genau die richtigen Fragen gestellt, die haben mich ja getriggert. Ich war ja nicht umsonst zu Beginn „genervt“.
Damit hast du mein Gefühl genau getroffen, so dass ich immer dachte. „Ach Mensch ja, da hab ich keine gute Antwort drauf. Ist schon blöd. Da muss ich jetzt echt endlich mal drüber nachdenken.“ Das war richtig unbequem. Doch deine Fragen haben mich so getriggert, dass ich auch zwischen unseren Sessions darüber nachdenken konnte.
Doch deine Gabe, die richtigen Fragen zu stellen…
Eine Schlüsselfrage war: Wer hat denn Einfluss darauf, dass ich mein Ziel der Promotion erreichen kann?
Meine spontane Reaktion: „So eine Dissertation, das mache ich ja alleine. Ich nehme mir meine Zeit dafür, und dann läuft das auf Schiene.“
Da hast du mich gestoppt mit dem Gedanken, dass ich ja gar nicht alleine bin; sondern in einem System lebe. „Wer ist das alles?“, wolltest du wissen: Kinder, Mann, wer noch? Daraus ist dann diese Skizze entstanden.

Ich finde sie heute noch großartig. Denn ich erkenne sie alle immer noch wieder. Das vor mir zu sehen – dabei sind mir wahrhaftig die Augen aufgegangen.
Da hast du wirklich eine Gabe, die richtigen Fragen zu stellen. Vor allem bist du nicht mit der ersten Antwort zufrieden. Ganz behutsam haben wir uns Stück für Stück tiefer reingewagt. Durch diese Art zu fragen wird wirklich der Denkprozess angestoßen.
Ich wollte damals auch wissen: „Wann hast du dein Ziel erreicht?“ Du meintest – Zitat – „Wenn ich den Doktor und die ersten Aufträge für Vorträge und Beratung in der Tasche habe.“ Inzwischen berätst du erfolgreich ohne Doktor-Titel. Wie fühlst du dich heute, wenn du auf den Weg zurückschaust, den du Schritt für Schritt gegangen bist?
Rückblickend bin ich ganz froh, dass ich diese Dissertation nicht gemacht habe. Durch meine Arbeit mit den Universitäten habe ich inzwischen einen guten Einblick in das Wissenschaftssystem. Sicher, wäre es immer noch schön, ganz tief in ein Thema einzutauchen.
Doch meine Leidenschaft, tief in das Thema Chancengleichheit einzutauchen, das kann ich auch in Unternehmen machen.
Ich arbeite stellenweise wissenschaftlich, konnte meine Expertise durch meine Arbeit und durch die Erfahrung anderer gewinnen. Rückblickend ist das wahrscheinlich der deutlich bessere Weg gewesen, als durch eine Dissertation zu laufen. Dementsprechend geht es mir heute hervorragend.
Bin ich am Ziel? Ganz bestimmt nicht.
Du bist ja auch erst knapp über 50 😊
Hm, erst gestern habe ich beim Spaziergang mit meinem Mann drüber gesprochen, dass ich mir schon Gedanken drüber mache, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen will.
Wovon will ich mehr? Was will ich nicht mehr? Das beschäftigt mich.
Am Ziel, da bin ich definitiv nicht. Aber da, wo ich jetzt bin, bin ich richtig.
Was für ein kraftvolles Schlusswort: Da wo ich bin, bin ich richtig.
Danke, Barbara.
Fotocredits:
Alina Atzler | Jens Oellermann | Nell Kilius


Ja, es hatte eine Situation gegeben, die zu einem Vertrauensverlust führte, und einem Gefühl, innerlich gekündigt zu haben. Das habe ich auch körperlich gespürt.









