Geschichten über Frauen. Und Geschichte – Goodread Nr. 12
Es ist Zeit für Geschichten.
Geschichten über Geschichte. Und ALLE Frauen, die darin leben.
Zu Weihnachten bin ich mit der Bahn unterwegs. Aus Hamburg nach Sachsen. Ein Buch auf dem Schoß. Als Reisebegleiter dieser Gedanke, der mir auch 2025 keine Ruhe lässt.
Lesen wir über Frauen in Deutschland – was für sie geht und was (noch immer) nicht – treibt mich um, wie oft diese Erzählungen ostdeutsch sozialisierte Frauen ausblenden. Hier werden Erfahrungen nicht erkannt, nicht gesehen, nicht erlebt. Nicht gewollt?
Dabei ist das vermutlich nicht mal böse gemeint. Wird nur vergessen. Erst neulich bei einer großartigen Lesung in Hamburg wieder erlebt.
Ostdeutschen Frauenportraits Raum geben
Doch ich bin eine von ihnen. Will mitgedacht werden, wenn es darum geht, unser Land zu gestalten. Genau so wie die Generation meiner Mutter und Großmutter.
Deshalb lese ich diese Geschichten mit besonderem Blick.
Carolin Würfel
Drei Frauen träumten vom Sozialismus
Worum es geht
Carolin Würfel erzählt die Portraits des Alltags von Maxie Wander, Brigitte Reimann und Christa Wolf spannend und sehr persönlich. Fast privat.
Der Rahmen – eine Struktur individueller Lebensabschnitte:
- Politisches Erwachen
- Ankunft im Alltag
- Träume platzen
Der offene neugierige Blick auf die drei schreibenden Frauen erzählt Geschichten. Erzählt durch biografische Details davon, wie dieses ostdeutsche Land bis in die späten 60er atmete. Und davon, was den Frauen den Atem nahm. Das Buch hilft verstehen, wie sie wurden, die sie waren. Wir entdecken einiges, das wir ahnten (auf jeden Fall ostdeutsch sozialisierte Leserinnen). Anderes, von dem selbst Eingeweihte keine Ahnung hatten.
Geschichten von schreibenden lebendigen Frauen
Wir erleben sie nicht nur als Autorinnen, sondern als Menschen.
Brigitte Reimann (geb. 1933). Sie war die Schillernde unter den Dreien. Konnte „frei und spontan aufs Leben zugehen, konnte spielen, sog alles auf, nahm alles so intensiv wahr“ (S. 137). Sie kämpfte Zeit ihres Lebens nicht nur um ihren Körper, sondern auch mit den Vorstellungen einer idealen sozialistischen Zukunft. Die Ideen hatten so gut, so überzeugend geklungen. Doch die Realität in der Braunkohle von Hoyerswerda hielt nicht mit.
Deshalb schrieb und schrieb sie. “Wie steht ein Mensch aus den eigenen Trümmern auf? Im Fall von Brigitte Reimann lautet die Antwort ganz einfach: mit Literatur. (S. 16)
Wie viele mit und nach ihr musste sie lernen, „sich einzurichten, … das sogenannte richtige Leben im falschen zu suchen. Lernen, trotzdem einen Schritt vor den anderen zu setzen.“ (S. 202) . Der Krebs holt sie mit 39.
Maxi Wander, das Wiener Arbeiterkind (geb. 1933 als Elfriede Brunner) atmet das Milieu der Kommunistischen Partei Österreichs. Sie kommt in die DDR voller Hoffnung, hier ließen sich diese Ideale besser leben. Die Hoffnung wird platzen. Auch wenn sie lange daran festhält. Sie verliert ein Kind, stirbt 1977 an Krebs. Der Traum vom Sozialismus ausgeträumt.
„Der ostdeutsche Schuh, er wollte nicht passen. Zu eng, wäre die ehrlichste und einfachste Antwort. Aber man kennt das ja selbst, manchmal zwängt man sich eben auch in Schuhe, die zu klein sind, holt sich blutige Blasen an den Fersen und redet sich ein, dass es schon irgendwie geht.“ (Zitat 235)
Guten Morgen, du Schöne, ihre Portraits von 19 Frauen, die ungeschönt und selbstbewusst über Leben im sozialistischen Alltag sprechen, wird in der DDR zum Kultbuch. Würfel beschreibt den „ostdeutschen Pragmatismus, der sich durch die Gespräche zog. Ein Pragmatismus, der sich vielleicht so stark entwickelt hatte, weil er lebensnotwendig war. Viel mehr konnte man ja nicht tun, als sich in diesem sehr engen System so gut es ging einzurichten. …. Unsicherheiten auszuhalten, statt sich in Altbekanntes zurückzuziehen. (Zitat 244)
Dem Drang widerstehen, sich zurückzuziehen
Christa Wolf (geb. 1929), sie (über-)lebte am längsten. In meinen Studienjahren in Leipzig (ab 1989) hab ich sie noch persönlich erlebt. Mit ihren Büchern war sie mir längst unter die Haut gekrochen. Ich bin ein Fan (und werde es bleiben).
Viele (damals vage) Ähnlichkeiten zwischen ihren Texten und meinem Alltag werden mir durch Carolin Würfels Portrait zur Gewissheit. Zwar bin ich 37 Jahre später geboren als sie. Doch der sozialistische Atem füllte auch auch Lungen und Köpfe meiner Mutter und Großmutter. Beide waren keine Fans der Ideen, die mich mit der Wolf verbanden. Zu gefährlich, sagten sie.
Da waren:
- Das Engagement für eine vermeintlich gute und gerechte Sache. Ohne bis zum Letzten zu durchdringen, was Mächtige aus dem machten, wofür man sich einsetzte.
- Die Unfähigkeit, sich anzupassen oder dieser Sache gänzlich zu unterwerfen, die nie hielt, was sie versprach.
- Auch ich wollte, wie Christa Wolf, im 8. Schuljahr unbedingt Lehrerin werden. Beide haben wir später ernüchtert aufgegeben. Zwischen der Theorie und der Praxis klafften zu große Unterschiede.
- Zwischendurch immer wieder in Literatur versinken, um der Welt zu entfliehen. Sich wenigstens mal ein Weilchen zu verdrücken, weil man sonst verrückt werden würde.
- Dieser ewige Ansporn gut – ja, die Beste – zu sein. Nur weil man glaubte, man müsse sich nur mehr anstrengen, um zu den Guten zu gehören.
“Bestmögliche Leistung. Bestmögliches kollektives Verhalten… „Reiß dich zusammen“ war der Satz der Stunde” (S. 61) schreibt Würfel über Wolf. Und ich denk mir: “Woher kennt sie meine Oma?”
Wenn du die ganze Geschichte sehen willst
Ich empfehle das Buch
Jeder Frau, die
- besser verstehen will, was Frauen im Sozialismus gesehen haben, und was hinter diesem ganzen Emanzipationsding im Osten steckte.
- die gesamte Entwicklung von Frauen in unserem Land betrachten, und nicht an der ehemaligen Grenze Halt machen will.
- neugierig ist auf Denkanstöße, wofür es sich zu leben lohnt.
Ein Buch für Menschen, die “durch ihre Auseinandersetzung mit realen und belangvollen Erfahrungen gereift, ihren radikalen Anspruch signalisieren: als ganzer Mensch zu leben, von allen Sinnen und Fähigkeiten Gebrauch machen zu können. (…)
Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Frauen nicht mehr nur nach Gleichberechtigung, sondern nach neuen Lebensformen suchen.” (Zitat S. 245 – Christa Wolf / im Vorwort zu Guten Morgen, du Schöne)
Weil wir sind, die wir geworden sind – und zwar alle in diesem Land
Fazit
Was für mich bleibt: Ich will wissen, will lesen und erzählen. Geschichten von Frauen, echte Blicke aufs Leben.
- Wo kommen wir her?
- Wo stehen wir nun?
- Was machen wir daraus?
- Wohin wollen wir jetzt?
- Was können wir noch bewegen?
Wir alle!
(Titelbild privat)






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