Schlagwortarchiv für: Gelassenheit

Magie hinter hölzernen Türen

2020 – 2023 Same same. Different? Magical!

Drei Jahre ist es her, dass ich dieses Interview ursprünglich geführt habe. Drei lange Jahre in denen eine Pandemie auf unterschiedlichen Kontinenten unterschiedliche Spuren hinterlassen hat. Erst heute geht es live.

Doch beginnen wir von vorn.

Zwischen den Stahl-Stein-Glas-Ungetümen der lärmenden Chang Klan Road duckt sich ein Häuschen. So unscheinbar, dass du es leicht übersiehst.

Ein winziges Häuschen in Chiang Mai, hier beginnt die Geschichte

Vor drei Jahren bin ich meiner Intuition gefolgt, habe die Straßenseite gewechselt, den gut gekühlten Gastraum zielstrebig durchquert, und ein märchenhafter Garten zieht mich in seinen Bann. Ein Ort des Friedens und der Stille im hektischen Treiben der 500.000-Einwohner-Stadt. Eine Magie aus allen Farben umfing mich. Hölzerne Tore überall. Mir verschlug es den Atem.

Heute bin ich vorbereitet. Endlich trete ich wieder ein durch diese mächtigen hölzernen Türen, und fühle mich zu Hause. Mitten in Asien. In Thailands Norden. In Chiang Mai.

Katrin Klemm und die magische Geschichten des Wooden Door Cafe

„A place with some magical attraction“

Der Grund dafür sind zwei so herzliche Menschen – Parim und Sam – die ich schwer vermisst habe in der Zeit, als Reisen unmöglich oder mehr als kompliziert war. Sie sind es, die diesen Ort so besonders machen. Und ihre Geschichte.

Eine Geschichte von ….

  • Begegnen, Verlieren und Wiederfinden
  • Unerfüllten Plänen, das Beste, was uns passieren kann
  • Magischen Türen, die sich von allein öffnen, wenn die Zeit reif ist
  • Der Leichtigkeit des Lebens, sobald wir akzeptieren, dass wir verschieden ticken
  • Dem Perfect Match im Café und im Leben

Parim stammt aus Nepal, ist in Singapur aufgewachsen, hat in der Schweiz das Gastronomiehandwerk gelernt. „Nicht ganz freiwillig“, gibt er zu, denn eigentlich wollte er Musik machen. Doch für seine Eltern keine Option. Gut für ihn, denn in den fünf Jahren Schweiz begegnet er Sam zum ersten Mal. Sam – ihr Thai Name ist Sirilada (den für Europäer komplexen Nachnamen mit 14 Buchstaben findest du im About ihrer Webseite . Sie studieren das gleiche Fach, sind sich auf Anhieb sympathisch.

Dann verschwinden Telefone, Jobs in verschiedenen Ländern stehen an, Beziehungs-Umwege wollen gegangen werden. Zehn ganze Jahre sorgen dafür, dass sie sich aus den Augen verlieren und erst durch „Zufall“ wieder begegnen.

Die richtigen Dinge geschehen, wenn sie dran sind

Die Beiden sagen:
Es war einfach nicht die richtige Zeit. Wir sollten wohl erstmal jede/r unsere eigenen Dinge auf die Reihe bekommen. Und dann – nach zehn Jahren – fielen auf einmal Dinge an ihren richtigen Platz wie Puzzlesteine, und dann passte es. Zehn Jahre später begannen wir wirklich miteinander zu reden.

Sam erzählt, dass ihre Mutter all diese wunderbaren Türen, die uns – geheimnisvolle Hüter einer längst vergangenen Zeit – hier im Café umgeben, schon seit 20 Jahren sammelt. Einfach so, weil sie sie mag. Ein großer Teil davon stammt aus Nepal, Parims Heimat. Lange Zeit stehen die Prachtstücke einfach nur in der Garage. Der Raum, in dem heute die Barista-Maschine zischt, war das Wohnzimmer eines Bed & Breakfast.

Hölzerne Türen im Wooden Door Cafe - magic

Es ist 2018. Sam und ihre Mutter stecken in der Renovierung dieses Wohnzimmers, als Sam Parim – der arbeitet zu der Zeit als Restaurant-Manager in Katar – um Rat bei der Renovierung bittet.

Parim:
Ich habe ihr geholfen. Sie ließ mich wählen zwischen A und B, ich empfahl A und dann entschied sie sich natürlich für B (Spoiler: das wird sich zum Muster ihrer gemeinsamen Geschichte entwickeln). Eigentlich unnütz, dass sie mich überhaupt gefragt hat. Aber es war gut, weil sie am Ende genau das bekommen hat, was sie wollte.”

Mein ursprünglicher Plan war es, in Bangkok zu arbeiten. Ich hatte ein paar Angebote. Doch eigentlich gab es in meinem Leben immer ein Ziel: etwas Kleines im Gastgewerbe zu starten. So etwas wie einen Café oder Bistro, dann ein Restaurant, was Größeres. Ich wollte etwas mein Eigen nennen, das langsam wachsen, sich entwickeln darf. Das wäre ein Start.”

Sam, ihre Mutter und auch Parim sind überzeugt, dass Vorsehung im Leben immer ihre Hand im Spiel hat. Als die Frauen wissen wollen, warum er Wooden Door nicht gleich hier und jetzt starten will, weiß er „Ok, das ist ein Zeichen.“ Er sagt ganz schnell Ja, lehnt alle anderen Angebote ab und beginnt in Chiang Mai – gemeinsam mit Sam – seinen Traum zum Leben zu erwecken.

So beginnt das Experiment Sam und Parim, und mit ihm die Geschichte des Wooden Door Café.

Sie erzählen von den Anfängen:
2018, als das Wooden Door Café nur ein B&B war, gab es nur Kaffee. Die Leute fingen an, unseren Kaffee zu mögen – und kamen nur dafür. Aber wir wollten auch die Leute aus der Gegend involvieren. Die wollten, dass wir Thai-Food anbieten. Aber weißt du, um uns herum gibt es so viel Thai-Food. Die Frau von nebenan macht das seit 20 Jahren. Ich kann das unmöglich besser hinbekommen als sie. Und selbst wenn – was tue ich dann vielleicht den Leuten rings um uns herum an, wenn die Leute nicht mehr zu ihnen kommen, sondern hier her. Dann verlieren sie ihre Jobs? Nein!

Wir sind viel in der Gegend herumgelaufen, haben uns umgeschaut und uns entschieden: Wir konzentrieren uns auf das Frühstücks-Angebot! Außerdem gibt es keine guten Torten in der Umgebung. Alles viel zu süß. Deshalb hat sich Sam entschieden, Backen zu lernen – ganz als Autodidaktin.” Beeindruckt strahlt er sie an. „Zu Beginn konnte sie gerade mal Kaffee machen. Und Backen erfordert so viel Talent. Ich habe keins. Ich kann gut kochen. Aber im Backen bin ich furchtbar.

Sie die Torten, er das Essen. Passt!

Sam:
Du hast es ein paar Mal probiert…“ (So schallend, wie die beiden synchron losprusten, kann ich mir die Ergebnisse lebhaft vorstellen)

“Eigentlich habe ich angefangen zu backen, weil er so oft daran gescheitert ist. Er hat es versucht, und ich dachte, das kann doch nicht so schwer sein. So habe ich mit Cheesecake angefangen und das Resultat…, Parim beendet den Satz, “war viiiel besser als meins.“ “Genau das,” hakt Sam ein, “war der Moment in dem ich mich entschieden habe „Oh das sollte ich öfter machen.“

Ich will von Parim, dem Macher, wissen, wie leicht es ihm fällt, seine Frau auch wirklich machen zu lassen.

Parim:
„Ich vertraue ihr. Immer wenn sie eine neue Torte ausprobiert, bin ich ihr erstes Versuchskaninchen. Ich darf ganz offen sagen „das ist zu süß, das ist noch nicht gut, da fehlt Salz.“ Andererseits bin ich auch nicht der Nabel der Welt. Es hängt nicht nur von meiner Meinung allein ab. Es gibt ja auch Leute mit einem anderen Geschmack.

Viele Menschen, die mal hier waren kommen wieder. Und wir wollen, dass sie sich als Teil des Cafés fühlen. Sie beeinflussen das Café und sind – wie die Familie – auch für mich die ersten Kunden, wenn ich etwas Neues ausprobieren will. Sie sind sehr direkt und sagen mir, wenn etwas nicht schmeckt. Sie versuchen nicht mal, es nett zu formulieren. Sie sagen uns sehr direkt, wenn der Preis nicht zur Qualität des Essens passt. Das hilft uns besser zu werden.”

Alles köstlich im Wooden Door Cafe Chiang Mai

Gegen Zweifel hilft: What’s next?

Gab es eine Zeit, in der du am Wooden Door Café gezweifelt hast? .

Parim:
“Irgendwie bin ich der Motivator. Sam meint immer, ich sei zu zuversichtlich. Aber weil ich in meinem Leben schon viele Fehler gemacht habe und schon viel schief gegangen ist, hatte ich viele Gelegenheiten zu lernen. Genau diese Erfahrungen helfen mir dabei, die Dinge immer positiv zu sehen. Auch wenn es mal Tage gibt, an dem wir zu wenig Kunden haben, der Monat mau aussieht und wir uns denken „ach das wird niemals funktionieren“, dauert es nicht lange, bis ich mich frage „Ok. What‘s next? Was können wir jetzt tun?“

Sam ist die Perfektionistin. Selbst wenn ihre Torten einfach WOW! aussehen, Sam ist immer noch nicht zufrieden. Sie sucht ständig nach einem Weg, es noch besser hinzubekommen.

Bei Parim heißt „Imperfect is also perfect“. Das reicht Sam noch lange nicht.

Sam:
„Er ist mein Berater.“ (sie schmunzelt)

Parim:
“Schon klar. Ich bin der Berater und dann macht die Kundin doch was sie will. Aber (er grinst zurück) – das ist in Ordnung. Denn nicht jede Entscheidung, die ich treffe ist richtig. Einige meiner Rezepte sind auch von ihr – und es funktioniert. Manchmal muss ich Kompromisse machen, obwohl ich darauf gar keine Lust habe. Aber die Leute lieben ihre Rezepte.

Die Speisen, die ich kreiere gehen zum größten Teil auf meine Mum zurück, es sind Einflüsse aus meiner Kindheit. Der gebackene Toast zum Beispiel, dazu nutzte meine Mutter Ghee. Ich nutze geschmolzene Butter. Das ist viel besser als nur trockener Toast.

Oder das Omelett, das ihr gerade gegessen habt, es ist ein Originalrezept meiner Mutter. Sie hat mir einen Rat gegeben: Mach es ganz einfach, und dann würze es gut und üppig. Sie hat mich in die Geheimnisse des Himalaya Salzes eingeweiht – ein Schatz meiner Heimat Nepal. In den meisten Speisen, die ihr hier bekommt, ist es enthalten.”

Die gemeinsame Reise hat uns zu dem gemacht, was wir sind.

Sirilada Punjasawadwong-Rai & Parim Rai Wooden Door Café mit Katrin Klemm

Frage: Wenn ihr etwas noch einmal machen müsstet – und die Frage stellt sich nach 2 Jahren Corona-Pandemie mit ganz neuem Beigeschmack, viele Läden, Restaurants und Cafés in Chiang Mai stehen heute leer – was würdet ihr anders machen?

Sam:
“Nichts.”

Parim:
“Nein, wirklich nichts, weil die Reise, die wir gemeinsam unternommen haben, uns genau zu dem gemacht, was wir jetzt sind.

Schau, zuerst wären wir nicht mal auf die Idee gekommen, uns an Essen zu versuchen. Zuerst haben wir gerade mal zusammen Kaffee gekocht, wir hatten keine Idee, wohin uns diese Reise führen würde. Keine Idee davon, Kuchen anzubieten. Wir haben ihn von außerhalb bezogen. Doch Sam war nicht glücklich damit. Also hat sie selbst ausprobiert, wie es besser geht.

Für uns geht es gar nicht in erster Linie um den Profit. Wir wünschen uns, dass Menschen kommen und hier eine gute Zeit haben. Wenn du beginnst zu kochen, geht es auch nicht um das Geld. Es geht darum, dass Menschen kommen, weil sie hungrig sind und dein Essen mögen.

Klar, gibt es viele, die uns sagen, euer Kaffee ist zu günstig, das Essen ist zu billig. Wir sagen Nein, der Preis ist schon in Ordnung, auch wenn wir natürlich unsere Kosten decken. Doch für uns ist es das ganze Ambiente, das Lebensgefühl. Wenn du hier bist und deine Zeit hier genießt, das kannst du nicht mit Geld bezahlen.”

Inzwischen bewegt sich mein Kopf wie der eines Wackeldackels automatisch auf und ab. So sehr nimmt mich die Geschichte der beiden gefangen. Jedes Wort kann ich spüren und schmecken.

Es stimmt:

„This place have some magical attraction.“

Magical attraction behind the story of Wooden Door Cafe Chiang Mai

PS:
Wenn du meine Leidenschaft für gutes Essen und lebendige Stories kennst, weißt du, dass ich bei kulinarischen Highlights immer parteiisch bin. Deshalb schau dir an, was andere über das Wooden Door Café sagen.

Anfang 2024 werde ich wieder hier sein, denn die beiden haben neue Pläne (noch topsecret!) Und wenn du in Chiang Mai bist, reise nicht ab, ohne selbst einmal die Magie hinter den Hölzernen Türen und mit ihren Menschen zu erleben.

Du willst mehr magische Stories? Melde dich im Newsletter an.

Willkommen 2023 – liebe dein Scheitern

„Freu dich über jeden Dreck,…”

Den Satz hat mir meine Oma beigebracht. Geboren 1920 hat sie das ein hartes Leben lang gelernt.

Ich kann ihre Weisheit gerade gut gebrauchen. Denn mein Jahreswechsel ist von duftender Sch*e begleitet. Dunkelheit. Hundehaufen. Bemerke es erst, als das Auto der Freundin stinkt. Die Pfiffis aus meiner Straße (mit ihren Menschen) hatten wohl beutelfreien Ausgang. So ein Sch*

Es gibt Menschen, die behaupten ernsthaft, das bringe Glück. Ich solle es als Omen für ein tolles 2023 nehmen. Echt jetzt?

Wir scheitern alltäglich.

Andererseits… hat nicht jede/r von uns ab und zu mal Sch*e am Schuh?

  • Verabredungen oder Aufträge, die platzen
  • Kund*innen, die dich veräppeln
  • Kolleg*innen, die sich vor den blöden Aufgaben drücken
  • Ein Virus, der dich umhaut, wenn du es überhaupt nicht brauchst
  • …ergänze die Liste gern um deine Lieblings💩

Aus Scheitern lernen wir am besten.

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die offen teilen, wenn was schief gegangen ist. Die uns mit auf die Reise nehmen, uns Version 2 ihres Versuches zeigen – auch der ist dann vielleicht nicht perfekt. Dann eben Version 3. Oder 4. Spannend, mitzuerleben, wie sich Dinge entwickeln, die nicht auf Anhieb funktionieren.

Das ist der beste Stoff für saftiges #Storytelling! Oder wie ein japanisches Sprichwort sagt: „Schwierigkeiten machen ein Juwel aus dir.“

2022 war die perfekte Juwelenquelle. Und keine/r von uns hat eine Ahnung, was 2023 für uns bereithält.

Also lass es uns anpacken:

Nehmen wir uns etwas vor, das uns wirklich berührt und mit Leidenschaft erfüllt. Hängen wir uns rein und probieren immer wieder aus, was möglich ist. Jeder Schritt in ein neues Kapitel deiner LifeStory ist ein Prototyping.. Wer sagt denn, dass gleich alles beim ersten Mal perfekt sein muss?

Lass uns träumen, ausprobieren und gelassener scheitern

Trauen wir uns zu träumen, zu gewinnen, zu scheitern, uns den Sch* abzukratzen und weiterzumachen.

Für 2023 wünsche ich dir

  • Spannende Experimente und Entscheidungen, denn du bist der einzige Mensch, der genau weiß, was richtig für dein Leben ist und was falsch. Deshalb entscheide dich und probiere dich aus. Nur so lernst du.
  • Ein paar geplatzte Träume und verfehlte Ziele als Hinweise, dass manche Dinge in Ruhe reifen wollen. Denk dran: Bestes Storymaterial!
  • Vertrauen in dich und andere.
  • Wohlwollen, heitere Gelassenheit und die Fähigkeit, gelegentliche Absurditäten mit Humor zu nehmen.
  • Menschen zu begegnen, die du (noch) nicht kennst. Reichst du ihnen die Hand, können sie Weggefährten für neue Wege werden.

Hab ein wundervolles 2023 mit kraftvollen neuen Geschichten im Innen und im Außen.

Foto Myriam Coburger

No rush! Inner Stories – ein Adventsexperiment.

Können wir unsere inner stories verändern?

Mein Selbstexperiment über die Geschichte “Zeit ist knapp”.

Ich renne nicht! Das habe ich mir für den Dezember fest vorgenommen. Doch es ist mehr als ein Vorsatz. Wie es dazu kam steht hier. Wie mir mein Experiment Tag für Tag gelingt, schreib ich für dich auf. Der aktuellste Tag steht immer ganz oben.

Freitag 23. Dezember

Es ist wundervoll kitschig, dabei so echt und einfach großartig. Während ich diese Zeilen am Küchentisch tippe, schneidet meine Mutter den Rotkohl für das traditionelle Weihnachtsessen. Morgen bei den Klößen kommt es unbedingt auf das richtige Timing an, da gehört ein bisschen Hektik dazu. Doch heute hat alles Zeit, kein bisschen Eile.

Wenn wir auf dem Markt Bekannte treffen, bleiben wir stehen und schnacken. Wir nehmen uns Zeit beim Essen, klönen, gucken Märchenfilme und sind EINFACH nur zusammen. Dieses EINFACH hat in den letzten Jahren einiges an Arbeit, viele Gespräche und auch hin und wieder Tränen gekostet. Doch dafür gibt es nun schon lange keine Weihnachtsdramen wie in anderen Familien mehr. Heute fühle ich mich gesegnet mit Eltern, mit denen ich alles besprechen kann. Wo wir nichts mehr zurückhalten sondern auch schwierige Themen auf den Tisch kommen dürfen. Jenseits allen Weihnachts-Werbe-Kitschs freue ich mich von Herzen, Zeit mit meiner Familie zu verbringen.

Doch in mir ist nicht alles eitel Sonnenschein.

Ich habe noch keine einzige Weihnachtskarte geschrieben, kann die innere Unruhe nicht vollständig unterdrücken, wenn ich die Grüße von anderen lese oder die Jahresrückblicke auf LinkedIn. Sollte ich nicht auch? Ich atme die Unruhe weg und frag mich, welche Inner Stories mich so arg triggern.

Dankbarkeit und Verbundenheit, die ich gern ausdrücken will? Schlechtes Gewissen, weil es alle tun – nur ich nicht? Das schlechte Gewissen, weil ich nicht schon längst damit angefangen habe, und vermutlich Menschen vergessen werde, die mir auch am Herzen liegen? Oder weil sich das nach Faulheit anfühlt, und Faulheit bisher in meinem Lebenskonzept nicht vorkam? Oder weil ich dann Chancen für 2023 verpasse? Na gut, ein bisschen Vorfreude auf den DeepDive am 4.1.23 habe ich schon gestreut.

Aber alles andere? Natürlich könnte ich…, die Zeit ist da. Noch einmal tief durchatmen und mich entscheiden, hier zu sein. Es ist alles eine Frage der Entscheidung, oder? Dass ich noch nicht wirklich ruhig bin, das halte ich jetzt einfach mal aus.

Donnerstag 22. Dezember

Ich spaziere durch die Stadt aus der ich komme, und doch nicht mehr zu Hause bin, genieße es, freie Zeit zu haben, absolut nichts tun zu müssen. Mit einer guten Freundin aus Schulzeiten trödle ich durch Dresden. Ich schaue in Gesichter, entdecke ehemals vertraute Orte ganz neu. Die Stadt hat sich so sehr verändert. Manchmal stehe ich da wie ein Kind dem Puzzlestück Nr. 1.001 in der Hand. Das 1.000 Teile-Puzzle liegt längst vollständig auf dem Tisch, mein Stück ist zu viel, findet keinen Platz mehr.

So viele Erinnerungen an gestern vermischen sich mit der Intensität des Jetzt. Könnte ich mir vorstellen, noch hier zu leben? Nein. Doch es ist schön zu Besuch zu sein. Zeit zu haben, sich treiben zu lassen.

No rush im Advent Katrin Klemm Storytelling

Montag 19. Dezember

Na das ist doch mal ein ganz besonderes Erlebnis von Stillstand. Die offizielle Wetterwarnung vor eisglatten Straßen macht die Entscheidung leicht. Wir verlängern unseren Aufenthalt in Karlsruhe um eine weitere Nacht, es ist sicherer. Es fühlt sich völlig entspannt und selbstbestimmt an. Mit unserer Herberge vor Weihnachten hätten wir es viel schlechter treffen können.  Denn auch wenn das Hotel Santo baulich schon ein bisschen in die Jahre gekommen ist, es bleibt charmant und hat wohlwollendes herzliches Personal, das sich beim Frühstück Zeit für einen Schnack nimmt und auch nachts um 2 Uhr noch eine Wärmflasche besorgt.

Sonntag 18. Dezember

Karlsruhe. Sankt Stephan. Die Weihnachtsgeschichte heute.

Zeit haben. Hinschauen. Entdecken. Nachdenken zulassen.

No rush im Advent Katrin Klemm Zeit Stories zu erleben

Freitag 16. Dezember

Abstand von Orten, an denen wir zu arbeiten gewohnt sind, weckt oft den Blick auf ganz neue Details. Heute verlasse ich meinen Schreibtisch zum letzten Mal 2022 und mache mich auf die Reise in die Feiertage zum Jahreswechsel. Das heißt nicht, dass es nichts mehr zu tun gibt. Das heißt für mich eher Orte zu finden, an denen ich Lust habe, das eine oder andere noch zu erledigen.

Es heißt auch, mich einzulassen auf eine Zeit ohne Taktung, auf inneres Erleben, wann was dran ist. Auf der Reise gibt es immer Geschenke zu entdecken, sobald ich es mir erlaube mir für die Schönheit in den Details Zeit zu nehmen. Wirklich hinzusehen. Im Hier und Jetzt zu sein.

Katrin Klemm no rush im Advent - Storytelling - Selbstexperiment Blick für Details

Donnerstag 15. Dezember

Du denkst, schlimmer geht’s nicht. Dann entdeckst du, dass du dich geirrt hast.

Aus dem Mittwoch war noch ein super Tag geworden. Er war lang, intensiv. Mit Coaching und Newsletter und Schreibkurs. 23:00 Uhr  ich war gerade dabei den Rechner runterzufahren, entdecke ich eine freundliche Mail von Austrian Airlines, dass von unseren Rückflügen aus Thailand einer gecancelt wurde (und  keiner der anderen Anschlussflüge mehr passt). Wir sollten uns im Service-Center melden. Na gut, dachte ich, machste gleich.

Du weißt vermutlich, wie Wartelistenmusik klingt. Nach 60 Minuten war ich noch der Meinung (ich war von Warteplatz 77 auf 44 vorgerückt), die der Lufthansa könne ich ganz gut aushalten. Nach 90 Minuten war ich leicht genervt (inzwischen Platz 7). Nach 116 Minuten wollte die Dudelmusik mir wohl was Gutes tun und die Verbindung brach ab. Was hätte ich in dieser verschenkten Lebenszeit alles tun können. Neiiiin, ruhig und entspannt war ich da nicht mehr und an entspanntes Einschlafen nicht mehr zu denken.

Ich sende den Newsletter raus, da kommt zu den geplanten Jobs noch die Steuererklärung 21 reingeflattert und will geprüft werden. Eine ganz wunderbare Klientin hängt heute in den Seilen. Wir vertagen uns (im begründeten Ausnahmefall bin ich da sehr unkompliziert). Diese zwei Stunden nutze ich dann, um doch wirklich beim achten Versuch einen echten LH-Menschen an die Leitung zu bekommen und 35 Minuten später habe ich neue Tickets. Geht doch… aber ich bin sowas von platt. Und renne gefühlt ganz heftig im Moment.

Fast bin ich versucht, mein Selbstexperiment aufzugeben. 15:30 Uhr Mittagessen. Nudeln helfen immer.

Und dann gebe ich mich geschlagen. Es werden Dinge liegenbleiben, die nicht liegen bleiben sollten. Doch morgen Vormittag verlasse ich meinen Schreibtisch. Und ich könnte jetzt meine Netzwerkverabredung absagen und bis Mitternacht durchrocken. Mach ich nicht. Echte Menschen sind einfach wichtiger.

Mittwoch 14. Dezember

2:30 Uhr och nö, ne? Um diese Uhrzeit über Themen und Formulierungen für den ungeschriebenen Newsletter nachzudenken – völlig überflüssig. Und doch liege ich wach.

5:00 Uhr “Wie soll ich das alles noch bis zum Jahresende hinbekommen?” Gedanken kreisen unablässig. Und ich weiß, dass es so vielen von euch genau so geht. Ich habe kein Patent dafür. Ich experimentiere nur.

8:00 Uhr – die Vögel lärmen vor dem Fenster. Na gut, wenn es sein muss… Dabei ist es doch so schön warm und kuschlig unter der Decke. Meine Gedanken wandern zu jenen, die so weit davon entfernt sind, meinen einfachen Luxus zu genießen. Menschen auf der Straße überall, Kinder und Frauen… Ich unterstütze in diesem Jahr Tatjana Kiel und Dörte Kruppa, die mit ihrer Initiative #WeAreAllUkrainians Unglaubliches geleistet haben. Hast du noch Weihnachtsgeld übrig, HIER ist es gut aufgehoben.

Die Stimme meiner Großmutter im Kopf “Reiß dich zusammen!” (ehrlich gesagt, hat sie es noch drastischer ausgedrückt). Doch mein STOP ist laut. Denn Zusammenreißen gehört in die Kiste mit den old stories. Heute weiß ich, dass ich entscheiden kann. Ich entscheide mich, aufzustehen – ich werde sehen, was alles in diesen Tag passt.

Dienstag 13. Dezember

Ich bin kurzsichtig und muss deshalb hin und wieder für eine Durchsicht 😉 zur Augenärztin. Um den Augenhintergrund sehen zu können, bekomme ich Tropfen, die die Pupillen erweitern – in der Zeit kann ich nicht viel sehen. Und noch weniger tun. Es hat sich gelohnt. Angeblich habe ich nicht nur den schönsten Augenhintergrund, den sie seit Jahren gesehen hat (ab heute denke ich “Innere Schönheit” ganz neu) sondern ich habe auch ausgehalten, nichts zu tun.

Zugegeben – es hat sich sehr nach Hölle angefühlt. Denn eigentlich wollte ich heute den letzten Newsletter des Jahres mit den Weihnachtsgeschenkrabatten zur LifeStory in Portugal und vier neuen SchnupperWorkshops zum Minipreis versenden. Doch da ich – 20:15 Uhr, draußen stockdunkel – noch immer mit Sonnenbrille vor dem Monitor sitze, wird das heute nichts mehr. Langsam wird’s eng mit der Arbeitswoche. Ich halte das aus, ich halte das aus, ich ooom… No rush ist manchmal viel schwerer als gedacht.

Sonntag 11. Dezember

Der kleine König Dezember – nach 15 Jahren zum letzten Mal im Goldbek-Haus. Ein Abschied. Doch dank des Stückes immer wieder Neubeginn. Denn da sind noch sehr viele Träume in sehr vielen Schachteln.

In den letzten Stunden des Sonntags schaffe ich dann alle – wirklich alle Stapel wegzuräumen. Und das in Ruhe. Am Sonntag. Schau mal an, was alles geht, wenn die Zeit knapp ist.

Samstag 10. Dezember

Das no rush Experiment zeigt Folgen. Im Büro stapeln sich die Stapel. Das halte ich gerade nicht so gut aus.

Freitag 9. Dezember

Meine kleine Schwester heiratet. Jetzt aber wirklich. Was vorher geschah

Donnerstag 8. Dezember

Wieso ist es schon so hell, als ich aufwache? Mist, verpennt. 40 Minuten bis Altona, heute ist mein letzter Kurstag im Lotsenhaus bei Hamburg Leuchtfeuer. Das schaffe ich nie. Es sei denn, ich renne. Doppelchallenge. Renne ich oder nicht? Halte ich es aus, zu spät zu kommen? Oder renne ich doch, ergreife ich den Zipfel der Chance, in letzter Sekunde pünktlich zu landen? Also Ausnahme: ich renne.

Ab Hauptbahnhof fährt die S-Bahn Umleitung. 2 x Umsteigen bis Altona. Glückwunsch, Rennen lohnt sich nicht.

Mit drei (!) Minuten Verspätung nehme ich Platz in der Gruppe. Vor dem Fenster flockt in genau diesem Moment behutsam der erste Schnee der Saison in dicken Fetzen. Die Schneefetzen trudeln gemütlich. There is no rush (so lange kein Wind sie durch die Gegend bläst). Was bläst mich bloß die ganze Zeit an?

Und als gegen Abend der Kurstag Trauerbegleitung zuende geht, hat der Begriff der Zeit in der Beziehung zu Tod und Sterben eine ganz andere Dimension bekommen. Das Rennen wird so unwichtig…

Die Zeit ist, was sie ist. Ob wir nun rennen oder nicht.

Mittwoch 7. Dezember

Zu meinen Stärken gehört es, Meetings pünktlich auf die Minute zu beenden. Das ist meine Vorstellung von Respekt vor unserer knappen Ressource Zeit dieser Tage. Am Nachmittag erlebe ich ein Kundinnentreffen ohne feste Agenda. Nur mit dem Ziel, dass alle etwas Positives daraus mitnehmen. Ziel erfüllt, Zeit 1A eingehalten, kein bisschen gerannt. Bin gespannt was sich entwickeln wird.

Abends beim Schreiben mit Barbara Pachl ist es heute nicht leicht, was aufs Papier zu bringen. Störrische Wörter. Normalerweise sind der Timer für die verbleibende Schreibzeit und ich beste Freunde. Heute zerrt er die Angst vorm Versagen auf den Tisch. Hm. Hinschauen. Akzeptieren was ist. 21 Uhr  – der Timer hat Feierabend und mein Text heute eine besondere Tiefe.

Fazit: Das ist ja interessant.

Dienstag 6. Dezember

7 Uhr – beim Aufwachen der Schreck „Bis zur Workation sind es nur noch 4 Wochen?!“ Sollte ja eigentlich ein Grund zum Freuen sein. Doch meine Gedanken rattern auf Autopilot: “Was ist bis dahin alles noch zu tun? Wie soll ich das noch unterbringen?”. Meine persönliche Notbremse ist das zu mir selbst gesprochene Mooooment. Mit vier „o“. Mindestens. Das hilft sofort. Dann sortiere ich den Tag und lege los. Ganz in Ruhe, wenn auch ohne Frühstück. War nicht hungrig, also was soll’s.

Am Abend…

Kennst du auch das Gefühl „Heute habe ich nix geschafft. Aber so viel gemacht!“? Willkommen im Club.

Dabei gab es ein intensives Coaching, direkt danach ein stärkendes Netzwerk-Date mit meiner WOL-Gruppe von 2020. Ladies ihr seid so zauberhaft – und ich schätze es enorm, mit euch seit 2 Jahren einmal im Monat ein Stück gemeinsam zu gehen. Da ist so viel Ruhe drin, da muss nichts, da darf alles ausgesprochen werden.

Am Nachmittag dann Sichtgläser für die Tauchmaske (Workation!), Balkonblumenkästen in den Keller, neuen Drucker angeschlossen – das flutscht heute in Ruhe völlig problemlos, auch wenn die Technik sonst nicht immer mein Freund ist.

Jetzt setze ich mich in Ruhe an den Schreibtisch und schau genauer hin, was ich alles erledigt habe. Weil es dran war. Weil ich mich entschieden habe, es genau so zu priorisieren.

Fazit: Fühlt sich gut an, so viel Klarheit. Ruhig. Trotz Schreck in der Morgenstunde.

Montag 5. Dezember

Der Kalender für die vorletzte Arbeitswoche ist voll. Meine Versuchung, drei Gänge hochzuschalten pulsiert.

12:00 Uhr mittags – und schon sehen die nächsten 3 Tage wieder ganz anders aus als geplant. Ich atme durch: Das wird scho.

Beim Essen am Nachmittag dann kalter Entzug. Fies! Die Gabel noch im Grünkohl, bin ich in Gedanken längst aufgestanden, um “mal eben schnell” den Espresso anzustellen. Kann ja kochen, während ich … Und zack, in die Rennfalle getappt. Bin froh, dass ich nicht allein esse und deshalb physisch sitzen bleibe, bis der Teller leer ist.

Klingt nach Kinderkram? Erschreckenderweise nicht. Es haut mich ganz schön um, zu spüren, wie schwer mir no rush wirklich fällt. Danach brauche ich Bewegung, geh für eine Freundin ihren Lieblingstee einkaufen. Renne zweimal, um die Ampel noch bei Grün zu erwischen. Hätte nicht sein müssen, es kommt auch wieder Grün. Doch ich halte es heute nicht aus.

Fazit: oha, das wird wohl doch nicht ganz so einfach.

Sonntag 4. Dezember

Keksbacktag mit den Kindern. Bin ziemlich spät aufgewacht. Doch was soll’s. In diesem Jahr verzichten wir auf die traditionelle Soljanka danach. Eine Suppe, die wir alle am Abend nach der Zuckerflut lieben und gut gebrauchen können. Doch die verlangt einen umfangreichen Einkauf und Stunden für die Zubereitung. Ich entscheide mich für die weltbeste Tomatensoße der Welt. In aller Ruhe. Sie ist köstlich und ich bin bis zur letzten Backminute völlig entspannt.

Samstag 3. Dezember

Heute ein Tag ganz für mich allein. Ist es eigentlich der erste in diesem Jahr? Zeit, nichts zu tun. Das heißt bei mir nicht gar nichts tun. Es heißt, mich treiben lassen und tun, worauf ich Lust habe. Heute ein schönes Frühstück, Flaschen endlich ins Altglas bringen, in meinem zweiten Wohnzimmer – der Zentralbibliothek in Hamburg – herumsitzen, mich mit meinem Franzbrötchen, dem Cappucino und vier Büchern wie ein Zwerg an dem zu hohen Tisch zu fühlen. Lieblingsespresso in der Rösterei kaufen und bei Thalia aus der Flut der Kalender einen für die Eltern auswählen. Dann verlasse ich die viel zu rummelige Innenstadt. Ganz piano.

Zu Hause einen Kakaokaffee und „Wenn Katzen Weihnachten feiern“ – entdecke die Geschichte von Kater Schmidt, der aus Tavira – meinem Herzensort der LifeStory – stammt. Kann nicht widerstehen, lese als Adventsüberraschung ein Audio für meine Teilnehmerinnen ein. Freue mich still vor mich hin. Telefoniere mehr als eine Stunde mit meiner Mutter. Das haben wir schon lange nicht mehr gemacht.
Abends Rosenkohl mit Semmelbröseln, Knoblauch, Pfeffer  – ein Gedicht. Dazu einen Glühwein mit viel Zimt und Nelken. Versacke bei Alice – einem Film über Alice Schwarzer. Lohnt sich.

Fazit: Kein einziges Mal gerannt. Wow.

Freitag 2. Dezember

Heute geht der letzte Teil der portugiesischen LifeStory aus 22 zu Ende. Eine der Teilnehmerinnen ist heftig erkältet. Wir basteln uns ein hybrides Meeting – denn das haben die Frauen, die sich in diesem Jahr auf ihre Reise zu sich selbst – und mit mir nach Portugal gemacht haben, mehr als verdient. Es war eine intensive Arbeit, die sich gelohnt hat.

Auch wenn der Tag heute um acht begonnen und erst kurz vor Mitternacht geendet hat, wenn er lang und intensiv war: Gerannt bin ich nicht.

Donnerstag 1. Dezember

Zack, da sind sie schon. Mit der gleichen Zuverlässigkeit wie Lebkuchen ab Anfang September in den Supermärkten, trudeln die ersten Mails und Karten ein, mit besten Wünschen für einen besinnlichen, gemütlichen, friedlichen Advent mit Kerzenschein, Plätzchenduft, und Kuschelrückzug und …

Stop! Glaubt irgendjemand wirklich, was er/sie da schreibt? Hand auf’s Herz, wem gelingt denn Besinnlichkeit in den letzten Wochen des Jahres noch?

Sicher, viele schreiben und wünschen es uns. Doch wen kennst du, der/dem das wirklich gelingt… Ich bisher keine/n.

Keine Selbständige, die hektisch in den letzten Aufträgen hängt, die der Kunde unbedingt noch 22 fertigbekommen will. Keine Angestellte, die bis Jahresende neben Weihnachtsfeiern auch noch alle Projekte unter Dach und Fach bringen muss, die Budgets ausgeben, die neue Finanzplanung aufstellen. Keine Mutter – ganz gleich ob Fest oder Frei, die nicht hektisch Weihnachtsgeschenke ranschafft oder die Teenager bei ihren letzten Klassenarbeiten vor Weihnachten unterstützt. Keine Tochter, die nicht schon das komplizierte Wer-besucht-wen-wo-an-welchem-Weihnachtstag-Jenga austüftelt. Jeden Abend eine andere Veranstaltung und am Wochenende ist Großkampftag im Kekse backen.

Besinnlichkeit? Fehlanzeige.

Dabei sind viele von uns ganz schön durch mit dem Jahr.

Puh.

Ich auch.

Ich will nicht rennen. Das nehme ich mir jedes Jahr vor. Hat bisher noch nie funktioniert.

Ich werde nicht rennen. Zack, und schon erwische ich mich doch dabei, noch schnell auf den letzten Drücker, nur heute, ab morgen ist es anders…

Ich renne nicht! Mit Ausrufezeichen. Oh, das fühlt sich gut an. Denn das ist kein Vorsatz, das ist Jetzt und Hier. Ganz im Moment. Ich entscheide mich jeden Augenblick neu. Na das ist doch mal ein interessantes Experiment. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.

Für die Coaches und alle anderen Schlaumeier unter uns: natürlich ist ein Satz mit einer Verneinung drin kein wohlformuliertes Ziel. Aber ich will im Moment auch kein Ziel. Ich will den Weg entdecken, will ausprobieren, wie es sich anfühlt, nicht zu rennen. Bin neugierig, herauszufinden, was ich stattdessen tue. Wo die Alternativen zur adventlichen Rennerei liegen. Für mich. Und ob es die überhaupt gibt.

Stay tuned. Ich bin es auf jeden Fall.

Ist dir das alles völlig fremd? Schaffst du das mit besinnlichem Advent? Teil gern dein Geheimnis mit mir. Gleich hier in den Kommentaren.

 

 

Selbstwirksamkeit – Inner Stories ändern

Wir können unsere Inner Stories ändern. Ein ganzes Leben lang.

Wenn wir JA sagen.

👰‍ Eigentlich wollte meine kleine Schwester Tina heute heiraten. Eigentlich ist sie meine Halbschwester. Schnurzegal. Ich liebe sie wie eine ganze.

Ich lerne viel von ihr.

Im Moment ein Refresh der Lektion, Dinge zu akzeptieren, die sich gerade nicht ändern lassen. Denn eigentlich wollte sie heute heiraten.
Doch seit 2 Tagen ist ihr PCR-Test positiv. Volle Ladung C 😷. Die Hochzeit fällt aus.

Ja natürlich, schauen wir uns in der Welt um, gibt es schlimmeres Leid aktuell. In der Ukraine, dem Iran, unserem Klima, mit dem wir es ordentlich versemmelt haben und das uns unsere Fehler in Überschwemmungen und Dürren um die Ohren haut…

Da scheint eine Hochzeit klein dagegen.

Selbstwirksamkeit bei so viel Leid?

Doch Tina und ihr künftiger Ehemann – der Vater meiner wundervollen Nichte und des coolen Neffen – sie haben sich entschieden und wollten es jetzt nach vielen Jahren Anlauf endlich tun. Sie haben lange geplant – und sich von Tag zu Tag mehr darauf gefreut.

Und jetzt sowas.

Das fühlt sich im ersten Moment schon sehr nach einer sehr persönlichen Katastrophe an.

Das alte Drehbuch unserer Kinder- und Jugendzeit sah für diese Fälle vor, entweder bodenlos zu verzweifeln oder zu schuften wie die Verrückten, um alles irgendwie wieder hinzubekommen. Selbst das Unveränderliche noch zu ändern. Das muss doch gehen, wenn wir uns nur hart genug dafür anstrengen. So haben wir uns immer wieder bis zur Erschöpfung aufgerieben an Dingen, die wir nie hätten ändern können.

Im Moment verblüfft mich die Braut. Denn ich erlebe meine kleine Schwester in einem ganz neuen Drehbuch.

Tina bleibt so erstaunlich ruhig.

Dabei drohen dicke Kosten für kurzfristige Stornierungen, Gastro, Blumen, Friseur. Da ist eine Menge zu regeln, abzusagen, umzubuchen. Da liegen die Nerven blank. Wenn du dazu noch einen dicken Kopf hast und kaum Piep sagen kannst, ist das auch nicht hilfreich.

Doch wir bekommen das hin, Schritt für Schritt. Gemeinsam mit anderen schaffen wir es, den materiellen Schaden zu begrenzen.

Fürs Familienalbum an diesem 4. November 2022:

  1. Es gibt Dinge, die lassen sich nicht ändern. Die können wir nur genau so akzeptieren wie sie sind. Unseren Frieden damit machen.
  2. Andere Dinge lassen sich beeinflussen.

Es lohnt sich, zu fragen:

  • Was kann ich selbst beitragen, um die Situation weniger ätzend für mich zu machen?
  • Woran kann ich konkret etwas verändern?
  • Wer kann mir dabei helfen?

…und dann sofort aktiv zu werden.

Beides ist eine Entscheidung.

Es liegt in unserer Hand, unser Drehbuch neu zu schreiben. Jeden einzelnen Tag.

Für das, was du da gerade tust, liebe Schwester gibt es einen Namen:

Selbstwirksamkeit

Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, Schwierigkeiten und fiese Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können.

💕 Tina, du bist der Hit. Wunderbar, dass es dich gibt. Werd schnell gesund.

Du warst auch im Dezember eine wundervolle Braut 👰‍. Genau am Freitag, den 9. Dezember 2022. Ich bin so mega-schwester-stolz auf dich.

Und das Wetter – wenn auch gefühlt minus 5 Grad – war mit seinem Sonnenschein an diesem Tag um Längen besser als am geplanten Datum. Wozu mistige Tage doch so alles gut sein können.

Ende gut, alles gut - so enden Märchen - deines geht weiter. Katrin Klemm StoryCoaching

Teebeutel-Stories auf Clubhouse und (mein) gesunder Menschenverstand

Was ich auf Clubhouse mache. Und warum. Und wie ich dazu gekommen bin. Mal wieder eine meiner ganz persönlichen technischen Heldenreisen.

Ihr redet über Teebeutel? Echt jetzt?

Als es mit Clubhouse zu Beginn des Jahres losging, lag mir der Gedanke, dort dabei zu sein ungefähr so fern wie die Idee, meine Zukunft aus Teeblättern zu lesen. Ich und iPhone? Niemals! Seit Jahrzehnten bin ich treue Android Nutzerin und Apple kommt mir nicht ins Haus.

Doch es kam.

Und zwar schon eine Woche später. Wenn meine Kollegin und Freundin Susanne eine Idee hat, die sie umsetzen will, dann kennt sie nix. Sie kauft ein gebrauchtes iPhone günstig und versichert mir „Wir machen jetzt Clubhouse. Du kannst das“. Naja, das war’s schon mit meinem Widerstand. Susanne kann sehr überzeugend sein.

Clubhouse-Stories und Warnungen

Was schwirrte da nicht alles durchs Netz  zu Beginn: Hype und Warnungen aller Arten. Als erklärte Leserin von Bedienungsanleitungen hab ich erstmal gelesen und geforscht. Bis es mir zu viel wurde und ich einfach mal gemacht habe. Und es bis heute noch keinen Augenblick bereut.

Pro und Con aus meiner ganz persönlichen Sicht

Man sagt:

Die saugen alle deine Daten ab und du kannst dich nicht wehren.

Ich finde:

Tun sie nicht, denn ich habe auf meinem neuen gebrauchten iPhone gar keine drauf. Doch selbst wenn ich welche hätte – zu Beginn deines Clubhouse Engagements wirst du gefragt ob du alle Kontakte hochladen möchtest. Und wie überall in der Welt kannst du Nein sagen. (Wenn du das noch nicht kannst, wird es Zeit das zu üben – so zum Beispiel )

Man sagt:

Es ist exklusiv nur für iPhone Nutzer und das schafft künstliche Verknappung.

Ich finde:

Ist doof (war zu Beginn so). Kann sein. Susannes pragmatische Lösung steht oben. Aber auch für Android ist es jetzt bald soweit sagt der STERN.

Man sagt:

Du musst eine Einladung haben. Das schließe andere aus oder verknappe den Zugang künstlich. Fear of Missing out würde dazu führen, dass alle unbedingt reinwollen.

Ich finde:

Ist für mich völlig in Ordnung. Wenn du dich wirklich von FOMO einfangen lässt, ist es Zeit, wieder mal darüber nachzudenken, wovon du dich steuern lässt. Alles was einen unangenehmen Druck erzeugt oder eine irrationale Angst, kann ein guter Anlass sein, mal wieder kurz die eigenen Bedürfnisse zu checken. Muss ich wirklich überall dabei sein? Geht die Welt unter, wenn ich es nicht sofort bin? Ausatmen, weiter leben.

Wenn du wirklich eine Einladung möchtest, frag herum und ich bin sicher, dass du rasch eine bekommst. Denn ehrlich – inzwischen gibt es Redner*innen und Clubs mit tausenden Followern und die müssen ja irgendwo her- also auch reingekommen sein. Entspann dich. Notfalls frag mich, nenn mir einen guten Grund und ich lade dich gern ein.

Man sagt:

Künstliche Exklusivität: hier  ab 7:00 erklärt Prof. Dr. Christian Rieck ein paar spannende spieltheoretische Hintergründe, wie man die Begehrlichkeit durch Schlangestehen vor den Türen erhöht und sich als Unternehmen in eine (angenommene) Machtposition setzt. Das wahrgenommene Kräfteverhältnis charakterisiere ein Monopol, sagt Herr Rieck.

Ich finde:

Erfahrung durch Schlangestehen schafft Exklusivitäts-Immunität.

Exklusiver Duft von frischem Brot

Als Fünfjährige in Sachsen stand ich freitags ab halb drei beim Bäcker nach frischem Brot an. Bis drei musste ich ausharren im verlockenden Duft aus der Backstube. Gequält von der Angst, es könnte ausverkauft sein, bevor ich dran wäre. Ist nie passiert. Ich konnte jeden, wirklich jeden Freitag genussvoll – und mit nur minimal schlechtem Gewissen – ein Loch in die knusprige Kruste des ofenwarmen Brotteigs knabbern. Bauchschmerzen waren mir egal. Ich war ein Kind.

Fühlte ich mich dem machtvollen Bäcker ausgeliefert? Vielleicht. Doch die Belohnung machte es wett.

Bis heute bin ich keine Clubgängerin und so blieb mir das „Trauma“ erspart, an der Tür eines angesagten Clubs abgewiesen zu werden. Jetzt soll ich das Clubhouse-Gebaren Exklusivität unanständig finden? Tu ich nicht. Manchmal muss man warten, bevor man etwa bekommt. Ja und? Ist halt so.

Man sagt:

Relativ hohe Kollektivität fördere intellektuelle Inzucht. Es unterhielten sich nur die, die sich eh schon kennen, sich gut finden und gegenseitig pushen.

Ich finde:

Kann sein. Ist mir aber auch egal. Denn niemand zwingt mich ja, Menschen zuzuhören, die ich nicht interessant finde. Wenn ich in bestimmten Räumen Dinge höre, die ich schon auf anderen Plattformen gehört habe, und ich keinen zusätzlichen anregenden Aspekt finde, dann verlasse ich den Raum. Die Freiheit habe ich jetzt (anders als damals im Osten kann ich einfach gehen). Und ich nutze sie.

Man sagt:

Soziale Kontrolle. Es wird angezeigt, wer durch wen eingeladen wurde. Wenn einer rausfliegt, weil er sich danebenbenimmt, fliegt der, der eingeladen hat mit raus. Rieck nennt das subtile Kleinigkeiten, die in dieser App mit drin stecken (und ich entnehme seiner Stimme, dass er das gar nicht lustig findet). Außerdem wird mir wird angezeigt, welche Menschen mit denen ich verbunden bin, gerade in welchen Räumen unterwegs sind.

Ich finde:

Ja, das ist soziale Kontrolle. Für mich bedeutet es in dieser Form nichts Ungehöriges – im Gegenteil. (Ich setze hier voraus, dass einer meiner Kontakte nicht durch einen technischen Fehler oder üble Nachrede gehen muss).

Und ja.  Ich kann mich auf die Aufgeschlossenheit und den guten Geschmack von Menschen, denen ich vertraue (meist) verlassen. Es fördert meinen Anreiz, mich auch in diesem Raum mal umzuschauen. (womit wir wieder bei der intellektuellen Inzucht wären 😉 ) Weil ich ja jederzeit selbst entscheiden kann, ob ich gehe oder bleibe. Ich finde soziale Interaktion großartig, weil wir aus meiner Sicht genau das brauchen.

Man sagt:

Zeitverschwendungspotential – man wird mit Infos überflutet, die man gar nicht so toll findet, und die die Zeit nicht wert sind

Ich finde:

Ja, manchmal frage ich mich schon, wie manche Empfehlungen bei mir eingespielt werden. Vor allem, wenn es russisch (meine Schulbildung ist schon Jahre her) oder chinesisch (leider nie die Lern-Geduld gehabt) ist.

Selbstbestimmte Interaktion

Ich nutze es für mich als Übung, rasche Entscheidungen zu treffen. Es ist wie ein Schnell-Check. Will ich weiter zuhören oder nicht? Wenn ja, warum? Will ich mich einfach nur mal ablenken? Ist auch in Ordnung. Habe ich zu einem Thema was zu sagen?

Eine super Übung, mir zu merken was ich sagen will – auch wenn ich mal länger warten muss, bis ich dran bin. Und es dann kurz und knackig auf den Punkt zu bringen. Am besten so, dass auch andere etwas davon haben. Kostenloses Entscheidungs- und Sprechtraining. Super Gelegenheit.

Teebeutel-Stories

Ihr sprecht wirklich über Teebeutel? Echt jetzt?

Ja genau – seit Jahren trinke ich eine bestimmte Teesorte nicht nur deshalb, weil ich fast alle Varianten köstlich finde. Sondern ich bin jeden Morgen neugierig auf den Beutel-Spruch. Mein tägliches Orakel. Wie eine ganz kleine Achtsamkeitsübung ohne Aufwand.

Storycoaching Storytelling auf Clubhouse Katrin Klemm

Seit Februar veranstalten Susanne und ich jeden Montagabend unseren Teebeutel-Talk. Ein schlankes Format, selten länger als eine dreiviertel Stunde. Wir verbinden diese Inspirationen mit Themen, die uns in unserem Business und im Alltag bewegen. Seit dem haben wir eine Vielzahl inspirierender Menschen kennengelernt, die mir sonst vielleicht nicht begegnet wären.

Die Anzahl der Follower interessiert mich nicht wirklich. Es ist großartig, wenn Menschen unseren Talk finden. Doch ich brauche keine Fake likes. Ich gönne Räumen mit 1000+ Zuhörer*innen ihre große schweigende Zuhörerschaft.

Echter Austausch mehr wert als Likes

Uns ist der Austausch wichtiger. Mit denen die da sind – und wenn es nur eine kleine Gruppe ist – wunderbar. So können wir sehr offen sprechen (ja, mir ist immer bewusst, dass wir nicht wirklich unter uns sind und deshalb gibt es Grenzen).

Wir nehmen uns Zeit, unsere Gegenüber ausreden zu lassen, ihnen zuzuhören, nachzufragen. Wir müssen auch nicht immer einer Meinung sein, sondern haben Zeit und die Gelegenheit zu verstehen, zu lernen und die Vielfalt zu akzeptieren.

Vor allem habe ich meine Lust am Moderieren wiederentdeckt. In einem für mich völlig neuen Medium. Da trauere ich jetzt auch dem Podcast nicht mehr nach, den ich aus Kapazitätsgründen im letzten Jahr auf Eis legen musste.

Hör zu. Bring dich ein. Du bist willkommen

Oder lade mich als Moderatorin ein. Wenn du ein spannendes Thema hast, komme ich gern.

Unsere nächsten Teebeutel- Talks:

17. Mai  | 19:30 Uhr – Entwickle die Fähigkeit zuzuhören
24. Mai | 20:30 Uhr – Innerer Wohlstand
31. Mai  | 20:30 Uhr – Selbstrespekt lernen

 

Wie erlebst du Clubhouse? Lass es mich wissen. Gleich hier im Kommentar.

 

Outtakes 2020

Blick hinter den Kulissen einer StoryCoach. Oder die Frage: Mit welcher Story hast du dich in diesem Jahr selbst überrascht?