Storytelling wenn es schnell gehen muss

Schöne Geschichte: Überraschung zum Start

Vor kurzem durfte ich als Dozentin bei der Evangelischen Medienakademie einen ganzen Tag zum Storytelling gestalten. Ich war top vorbereitet. Und gleich zu Beginn erstmal sprachlos. Die Überraschung: zwei Studenten stellten genau das Buch vor, das mein nächster Buchtipp hier im Blog gewesen wäre.

Sie waren großartig. Ich hätte es nicht besser hinbekommen. Deshalb habe ich Sebastian Stein gebeten, mir ihre Intro als Gastbeitrag zu schenken. Hier ist er. Herzlichen Dank, Sebastian.Buchempfehlung Tell me Mit Storytelling überzeugen Katrin Klemm StoryCoach

Februar 2021, Samstagabend.

Ich lese das erste Mal in meinem Leben ernsthaft ein Sachbuch. Ganz freiwillig hat es nicht den Weg in meine Hände gefunden. Aber ich muss als Teilnehmer des Studiengangs Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Medienakademie in Hamburg ein Buch vorstellen.

Meine Frau hat Spätdienst, ich sitze allein auf dem Sofa und lese. Die Kinder sind im Bett. Das heißt, sie sollten es sein. Mein jüngster Sohn (6 Jahre, 1. Klasse) schaut noch einmal im Wohnzimmer vorbei und kuschelt sich an mich.

Er schaut neugierig ins Buch. „Was liest du da Papa?

Ein Buch, dass ich für mein Studium lesen muss.“
M-mh…“ Stille.
Dann: „Um was geht es da?
In dem Buch wird erklärt, wie man gut Geschichten erzählt.“
M-mh…“ Ein fragender Blick trifft mich.

Ich zeige ihm den Buchdeckel. “Guck mal, was siehst du da?
Ein gelber Luftballon.
Richtig. Und was ist das daneben?
Ein Kaktus.
Was meinst du, wird wohl passieren?
Der Kaktus kommt zum Luftballon und der Luftballon platzt.
Siehst du, schon hast du eine Geschichte erzählt.

Und in dem Buch steht, wie man solche Geschichten erzählen kann, damit sie richtig spannend werden.”

Story-Modelle und Muster zum Üben

Thomas Pyczak erzählt in seinem Buch viele Geschichten, bringt Beispiele und erklärt ein Erzähl-Modell nach dem anderen. Dabei gibt es kleine Unterschiede zwischen Vorträgen, in denen meistens eine Idee verkauft oder ein Prozess beschrieben wird und reinen Erzählformen wie Romane und Filme, die eher unterhalten wollen. Dennoch sind alle Modelle in Teilen kombinierbar.

Vorträge

So lernt man, wie man möglichst schnell Menschen von einer Idee überzeugen kann – sei es mit einem Elevator- oder einem Match-Pitch: Wer nur eine Aufzugfahrt oder während des Abbrennens eines Streichholzes Zeit hat, seine Geschichte zu erzählen, muss schon sehr genau wissen, was er sagen will und Interesse wecken.

Ein anderes Modell ist die Sparkline (auf Deutsch: Funkenlinie). Sie nimmt den Zuhörer eines Vortrags mit auf eine Reise. Erst wird der Status Quo dargestellt. Anschließend wird die Frage gestellt, was morgen sein wird. Der Vortrag pendelt immer wieder zwischen heute und morgen. Das baut Spannung auf. Am Ende steht dann keine Handlungsaufforderung, sondern das, was der Zuhörer aus dem Vortrag mitnehmen soll: die Benefits.

Erzählformen

Das Pyramidenmodell basiert auf drei Punkten: Anfang – Mitte – Ende. Dazwischen gibt es die aufsteigende und die absteigende Handlung. Es ist ein sehr schlichtes Modell, das vor allem in Dramen, aber auch in Filmen Anwendung findet.

Märchen hingegen beginnen immer mit „Es war einmal…“. Sie erzählen über einen Spannungsbogen eine Geschichte, die beim Status Quo anfängt („jeden Tag…“), über ein Ereignis („Eines Tages…“) zur eigentlichen Handlung kommt („Und so…“, „Und dann…“) und abschließend zu ihrem Ende kommt („Bis schließlich…“, „Und seit diesem Tag…“). Gerade in der Werbung wird häufig dieses Modell eingesetzt, da es den Absender auf eine komprimierte Art eine schöne Geschichte erzählen lässt. Eines der bekannteren Beispiele ist der Edeka-Weihnachtsclip „#heimkommen“.

Die Heldenreise eignet sich für unglaublich viele Erzählstränge – von der Werbung bis zum Blockbuster findet sich dieses Modell. Es sieht auf den ersten Blick wahnsinnig komplex aus, bildet aber eine großartige Grundlage für gute Geschichten. Dabei teilt sie die Handlung in eine dem Protagonisten (also dem Helden) vertraute und eine fremde Welt. Die Geschichte folgt dann zwölf Punkten. Dieses Modell findet sich in vielen Romanen, Erzählungen und Filmen – von „1001 Nacht“ bis „Star Wars“, von „Orpheus und Eurydike“ bis „Findet Nemo“.

Welches Modell man wählt ist meist davon abhängig:

  • was die Story ist
  • warum wir sie genau jetzt erzählen und
  • wem wir sie erzählen.

Nur wer sich diese Punkte klar macht, wird seine Zuhörer, Zuschauer oder Leser packen, mitreißen und überzeugen können.

Luftballon und Kaktus: die Story geht weiter

Kommen wir noch einmal zu der Geschichte zurück, die mein Sohn erzählt hat: „Der Kaktus kommt zum Luftballon.“ Diese Geschichte kann das Titelbild dieses Buches erzählen. Die Rückseite des Buches erzählt aber eine andere Geschichte.

Was zum Beispiel könnte aus einer ganz anderen Beziehung von Luftballon und Kaktus entstehen?

Fazit

Ich habe drei Semester Jura studiert und dabei ganz grässlich langweilige Sachbücher lesen müssen. Dieses Buch hat es aber geschafft, meine tiefsitzende Abneigung gegenüber Sachbüchern aufzulösen. Ein Buch, dass wirklich Spaß macht zu lesen.

Ein für mich persönlich wichtiges Resümee aus diesem Buch egalisiert alle Modelle, Muster und Techniken: Die Technik ist unwichtig. Die Geschichte zählt.

*****

Sebastian Stein beschreibt sich selbst als Christ, Familienvater und Marketing-Fuzzi, der irgendwie auch Autor, Komponist und Musiker ist. Er arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit eines großen diakonischen Unternehmens in Niedersachsen und engagiert sich ehrenamtlich in seiner Kirchengemeinde. In seinem Blog beschreibt er, warum er das hier vorgestellte Buch nicht hätte lesen sollen

 

 

 

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