Der Ruf der Sirenen: Wie du deine Aufmerksamkeit zurückholst, und aufhörst zu scrollen

Na, scrollst du schon wieder? Tief abgetaucht in Social Media?

Dann bist du wohl abhängig von sozialer Aufmerksamkeit.

Sag nicht ich, sagt Chris Hayes. Sein Buch Der Ruf der Sirenen. Das Ende der Aufmerksamkeit und wie wir sie zurückerlangen können. liest eine uralte Sage erschreckend modern. Wie sie ausgeht, haben wir selbst in der Hand.

Nur: Einfach wird’s nicht.

Hol deine aufmerksamkeit zurück - hör auf zu scrollen - Good Read von Katrin Klemm StoryCoach

Eine uralte Geschichte

Odysseus ist nach dem Trojanischen Krieg auf endloser Irrfahrt nach Hause, nach Ithaka. Mit seiner Besatzung muss er Sirenen widerstehen: Wesen, die mit ihrem betörenden Gesang jeden Seemann unweigerlich in den Tod locken. Er verklebt seinen Männern die Ohren mit Wachs.

Doch selbst setzt er sich dem Lärm aus. Fesselt sich sicherheitshalber an den Mast, um zu überleben. Er weiß, dass er nicht stärker ist als sie. Doch er nutzt seine Sicherheitsleine. Damit er entscheiden kann.

Wir alle würden zuhören wollen. Wir wollen, dass unsere Aufmerksamkeit gefesselt wird, denn heute fühlt es sich gut an, sich dem Ruf der Sirenen hinzugeben. Rational wissen wir, dass endloses Scrollen Blödsinn ist. Und können es doch nicht lassen.

Warum passiert das immer wieder? Dir? Genauso wie mir?

Bei Chris Hayes finde ich eine Antwort, die mir Mut macht, dass wir es doch schaffen können.

Immer mehr Informationen. Immer weniger du.

Der Wirtschaftswissenschaftler Herbert Simon schrieb schon 1971:

In einer informationsreichen Welt bedeutet ein Überfluss an Informationen einen Mangel an etwas anderem: eine Knappheit an genau dem, was Information verbraucht. Was Information verbraucht, liegt auf der Hand: Sie verbraucht die Aufmerksamkeit ihrer Empfänger.“ (S.185)

Hayes zeigt, wie unsere Aufmerksamkeit zur wertvollsten und zugleich am stärksten bedrohten Ressource unserer Zeit geworden ist. Lese ich:

Es gibt heute zu viele Informationen. Wir sind ständig überfordert und abgelenkt, und es treibt uns alle ein bisschen in den Wahnsinn.“ (S. 184)

bleibt mir nichts als ein zustimmendes Nicken.

Doch das ist kein persönliches Versagen. Das ist Struktur.

Ohne Likes sind wir nichts – wirklich?

Wir können nicht existieren, ohne dass uns jemand Aufmerksamkeit schenkt.

Hayes beginnt dort, wo es wirklich anfängt: bei uns als sozialen Wesen. Von Geburt an sind wir darauf angewiesen, dass uns jemand wahrnimmt. Der Schrei des Neugeborenen ist so eindringlich, weil für das Baby so viel auf dem Spiel steht. Keine Zuwendung = miese Karten.

Selbst wenn wir alt genug für unser erstes Smartphone sind, scheint das anzuhalten. Und bleibt wohl unser Leben lang so.

Nur dass es dann längst nicht mehr die Eltern sind, die uns am Leben halten. Ohne Likes, Klicks und Kommentare sind wir nichts.

Tristan Harris, ehemaliger Google-Mitarbeiter, legt den Finger dort hin, wo es weh tut:

Wir sind alle anfällig für soziale Anerkennung. Doch unsere soziale Anerkennung liegt heute in den Händen von Technologieunternehmen.“ (S.69)

Das ist der Moment, in dem mir das Buch unter die Haut geht. Nicht weil es neu ist. Sondern weil es so präzise benennt, was wir alle irgendwie spüren. Und trotzdem verdrängen.

Soziale Aufmerksamkeit ist wie Sonnenlicht für eine Pflanze.

Hayes unterscheidet sehr genau: Aufmerksamkeit ist nicht gleich Verbindung. Soziale Aufmerksamkeit ist die notwendige Voraussetzung für alles, was uns wirklich trägt: Fürsorge, Freundschaft, Liebe. Aber sie allein reicht nicht.

Soziale Aufmerksamkeit ist wie Sonnenlicht für eine Pflanze. Wir brauchen sie zum Leben. Sie wärmt und nährt uns. Wir strecken uns ihr entgegen und ohne sie verkümmern wir.“ (S. 104)

Genau das macht es so fies verführerisch. Soziale Medien simulieren dieses Sonnenlicht. Sie geben uns das Gefühl, gesehen zu werden – ohne dass wirklich jemand hinschaut. Das ist auch der Grund, warum mir persönlich weniger echte Verbindungen auf LinkedIn wichtiger sind als zehntausend Follower.

Social Media ist Zucker fürs Hirn.

Wir wissen so viel. Zum Beispiel auch, dass weißer Zucker Entzündungen im Körper fördert. Ist es deshalb leicht, ihn wegzulassen? Für mich nicht immer.

Im Informations-Über-Fluss davonzutreiben ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein strukturelles Problem, weil es doch so leicht ist, uns ablenken zu lassen. Hayes zeigt: Die Fähigkeit, zu neuen Informationen Nein zu sagen, ist schwer zu erlernen. Vor allem wenn man mit Informationsknappheit aufgewachsen ist, wie die Generation X.

Genau das erlebe ich selbst. Kombiniere ich das noch mit mickrigem ostdeutschem Medienhintergrund (Dresden hatte bis 1989 nur zwei Fernsehsender), braucht man Kraft zu sagen: “Es ist genug!”

Dabei sind die Kosten ungleich verteilt, wenn wir heute mit Informationen überschwemmt werden.

Hayes nennt sie „Spammer” – Menschen, die uns ungefragt mit Informationen zulabern, nur weil es technisch möglich ist. Sein Befund ist ernüchternd: „Den Spammer kostet es nichts, uns abzulenken. Abgelenkt zu sein, kostet uns dagegen sehr viel.” (S. 203) Es kostet unsere Lebenszeit. Die ist nicht unbegrenzt.

Zucker fürs Hirn eben. Wir wissen, was er mit unserem Körper macht. Und naschen trotzdem.

„Worauf willst du deine Aufmerksamkeit richten?“

Das ist die eigentliche Frage des Buches.

Wenn Aufmerksamkeit die Substanz des Lebens ist, dann ist die Frage, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, die Frage, wie dieses Leben aussieht.“ (S. 281)

Hayes lädt ein, uns das ehrlich vorzustellen: Was würdest du tun, wenn du die volle Kontrolle über deine Aufmerksamkeit hättest? Seine Vermutung, die Antworten wären überraschend ähnlich. Familie. Freunde. Dinge, die Freude bereiten. Dinge, die Sinn ergeben. (S. 282)

Es ist die Odysseus-Sache, die mich nicht loslässt.

Warum verstopft er seinen Männern die Ohren, aber sich selbst nicht? Weil er zuhören will. Weil wir alle zuhören wollen. Wir wollen, dass unsere Aufmerksamkeit gefesselt wird. Denn es fühlt sich gut an, sich dem Ruf der Sirenen hinzugeben.

Wir denken ja immer: Uns passiert das nicht. Wir haben es im Griff.

Doch genau hier liegt Hayes’ wichtigste Erkenntnis: Wir können es gar nicht immer im Griff haben. Das Konzept der sozialen Aufmerksamkeit zeigt, dass unser Bedürfnis, gesehen zu werden, so tief in uns verankert ist, so urmenschlich, so überlebenswichtig, dass kein Algorithmus der Welt es erfunden hat. Er nutzt es nur. Beutet es aus.

Das ist keine Schwäche. Das ist menschliche Natur.

Genau deshalb ist die Botschaft so wichtig. Und so ehrlich: Es geht nicht um Willenskraft. Es ist nicht “Ich beiße die Zähne zusammen und halte durch”. Denn Willenskraft ist keine unerschöpfliche Ressource.

Es geht darum, sich immer wieder bewusst zu entscheiden. Das bedeutet: “Ich halte inne. Ich nehme wahr, was gerade passiert. Dann wähle ich aus”. Nicht einmal. Immer wieder. Jeden Tag neu. Genau wie Odysseus, der sich an den Mast binden lässt; nicht weil er schwach, sondern weil er klug ist.

Ich empfehle dir das Buch, wenn du

  • viel zu oft scrollst – bei Linkedin, Insta – du kennst deine Favoriten – und dich nach Stunden fragst: Warum eigentlich?
  • abends erschöpft bist, obwohl du „eigentlich nichts getan“ hast
  • spürst, dass deine Aufmerksamkeit nicht mehr ganz dir gehört
  • aufgehört hast, Bücher zu Ende zu lesen
  • und wenn du bereit bist, die Unbequemlichkeit bewusster Entscheidungen zu trainieren

Mein Fazit

In diesem Buch gibt‘s keine Tools, keine Checklisten, keine schnellen Lösungen. Und das ist gut so.

Denn Tools suggerieren uns nur, man könne das Problem einmal lösen. Für mich ist die Frage: Lässt du die Tech-Bros über dein Leben entscheiden? Oder entscheidest du selbst?

Auch wenn es mühsam ist. Jeden verflixten einzelnen Tag. Jede Stunde. Jeden Moment. Immer. Und immer wieder.

Hol dir deine Aufmerksamkeit zurück. Du entscheidest.

Fotos: Ladislav Stercell | Shashank Verma – Unsplash

Dieser Artikel von Katrin Klemm, StoryCoach für Frauen 40plus, ist eine persönliche Buchempfehlung zu „Der Ruf der Sirenen” von Chris Hayes. Das Buch erklärt, warum endloses Scrollen in Social Media kein persönliches Versagen ist, sondern ein strukturelles Problem. Soziale Aufmerksamkeit ist ein urmenschliches Bedürfnis – Algorithmen nutzen es aus. Der Artikel zeigt, wie Frauen ihre Aufmerksamkeit bewusst zurückholen können, statt sich von Tech-Unternehmen steuern zu lassen. Kernbotschaft: Es geht nicht um Willenskraft, sondern um bewusste, wiederholte Entscheidungen – jeden Tag neu. Themen: Informationsüberflutung, Social Media Sucht, digitale Achtsamkeit, Selbstbestimmung, Persönlichkeitsentwicklung für Frauen.
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