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Wenn ich nochmal zwanzig wäre

Wärst Du gern noch einmal zwanzig?

Die Frage sorgt für Gesprächsstoff direkt nach der Vorspeise. Unser Thema beim StoryTeller im Mai:

Lebensfreude: Bis hier her. Und wie weiter?

Führe ich ein gutes Leben? Was erfreut mich an meinem aktuellen Hier und Jetzt? Was genieße ich aus vollen Zügen? Worauf kann ich inzwischen vertrauen? Was begeistert mich? Was kommt als nächstes?

Ein Gedankenexperiment:

Es ist ein sonniger, angenehm warmer Tag. Sie sind an der Hamburger Alster unterwegs und setzen sich jetzt auf eine leere Bank. Sie schließen für einen Augenblick die Augen und genießen – ganz ohne Absicht und ohne Ziel – diesen ungestörten Moment. Da holt Sie eine junge Stimme aus Ihrer Versenkung „Verzeihung, darf ich mich zu Ihnen setzen“. Entspannt stimmen Sie zu, doch Sie spüren, dass der jungen Frau was auf der Seele brennt. Und da ist sie schon, ihre Frage. „Sie strahlen Lebensfreude aus. Sie wirken, als führten Sie ein gutes Leben… Wenn Sie mir einen Tipp geben könnten, wie ich das auch schaffen kann? Was ist dafür wichtig im Leben?“

An diesem Abend kommen einige Tipps zusammen. Jeder sehr persönlich. Jeder eine Story für sich. So läuft das, wenn sich lebenserfahrene gut gelaunte Frauen zum Essen und Geschichten erzählen treffen.

Tipps der Gäste für echte Lebensfreude

 

  • Trau Dich was.
  • Glaub an Dich.
  • Höre nie auf neugierig zu sein.
  • Gib nichts aufs Gequatsche der anderen (wenn es nichts Positives ist).
  • Höre auf Dein Bauchgefühl.

Katrin Klemm Storyteller Mai 2019

Helga sagt:

Bei leckeren fremdländischen Speisen mit fremden Personen über nicht alltägliche Themen zu sprechen – das klingt nicht nur nach einer Herausforderung, es war auch ein „Multitasking“ mit allen Sinnen. Deine Fragen und Denkanstöße, Katrin, regten an zu munteren Diskussionen, zum Erzählen von eigenen Geschichten oder auch erst mal zum verblüfften Verstummen. Auf dem Heimweg sind mir viele einzelne Begriffe und Aussagen noch einmal durch den Kopf gegangen („Das Leben ist ein Spiel“ oder „Was bedeutet eigentlich genießen“), und so war es ein bereichernder Abend! Danke Katrin.

Gundula sagt:

Danke Katrin an Dich und Deine Gäste für diesen tollen Abend! Einzigartig – aber eigentlich kein „Wunder“ bei diesem, Deinem Rezept:
– über 250 Jahre Lebensfreude, Lebenserfahrung und Lebensneugier,
– versammelt um einen Tisch mit leckerem Essen in Wohnzimmeratmosphäre und
– initiiert und dezent moderiert von einem absoluten Profi…
So wurde es ein genüsslicher Abend mit fröhlichen, interessanten bis hin zu „nachklingenden“ Gesprächen.

 

Du willst dabei sein? Hier die nächsten Termine des StoryTeller

Sobald ich weiß was ich will, ist Mut ganz einfach

 

Düsseldorf Mai 2015. Ausgelassen dröhnen die Rhythmen aus den Boxen. Es glitzert und flimmert. Strassbesetzte Tanzkleider, elegante Fräcke, viel Haut konkurrieren um das auffälligste Outfit. Das gehört dazu, wenn die besten Paare Deutschlands und Europas um die Titel bei den Offenen Deutschen Meisterschaften im Equality Tanzsport kämpfen.

C-Klasse Latein der Damen: Der Auftakt zu einem Jive. Plötzlich stolpert der Blick. Was ist das? Eine Jeans zwischen all dem Glamour? Mutig oder einfach nur tollkühn in dieser Glitzerwelt? Ich trau meinen Augen nicht. Das ist doch Melani, die mir vor einer halben Stunde noch erzählt hat, sie sei nur zum Zuschauen hier, eine feste Trainingspartnerin habe sie noch immer nicht gefunden. Und was ist das dann bitte? Im Moment legt sie gerade mit Jacky ein Feuerwerk aufs Parkett.

Im Finale tanzen noch sieben Paare. Am Ende erobern sich Jacky Logan (London) & Melani D. (Wismar) mit der Startnummer 37 einen glänzenden dritten Platz auf dem Treppchen. Bronze in der C-Klasse Latein.

Von Null auf Hundert. In Jeans. Denn darauf kommt es nicht an…

„Ich wusste nicht was auf mich zukommt und hab das Beste draus gemacht“

Jetzt ich es wissen. Mit der Frau muss ich reden.

Katrin: Wie kam es zu diesem spontanen Auftritt?

Melani: Eigentlich wollte ich schon vor zwei Wochen mit einer Tanzpartnerin, die ich gerade ein paar Tage kannte, in Berlin zu einem Turnier antreten, endlich Equality tanzen. Ich bin schon seit Jahren auf der Suche, doch nie hatte es geklappt. Bisher hatte ich nur im traditionellen Tanzsportbereich mit Herren getanzt. Selbst wenn ich mich eigentlich nicht gern unvorbereitet auf die Tanzfläche stelle, sagte ich damals „Was soll’s wir probieren das jetzt einfach aus.“ Doch kurz vor dem Auftritt wurde mir klar, dass die Chemie, die beim Tanzen so unglaublich wichtig ist, überhaupt nicht stimmte. Deshalb hab ich auf mich gehört und es abgeblasen. Auch wenn ich sehr enttäuscht war.

So bin ich nach Düsseldorf nur zum Zugucken gekommen. Abends auf dem Ball wollte ich ein bisschen schwoofen – das geht immer. Jacky kannte ich flüchtig, wir waren uns in London mal auf einem Turnier begegnet. Sie war die Organisatorin, ich wieder mal nur Zuschauerin. Deshalb war ich komplett überrascht, als Jacky mich ansprach: „Willst Du mit mir tanzen?“ „Auf dem Ball heute Abend?“ erwiderte ich. „No – jetzt gleich“, gab Jacky zurück. Ihre Tanzpartnerin hatte sich bei einem Sturz am Vortag ernsthaft verletzt und so konnte das Paar nicht mehr antreten. Meine Entscheidung fiel innerhalb von Sekunden: „Ja, ich will“.

„Was hast du zu verlieren“, hab ich mir gedacht

Ich bin zum Schwoofen hier. Dann kann ich doch auch gleich damit anfangen. Mit Jacky. Ich will Spaß haben und deshalb tanze ich. Und ich wollte Jacky etwas zurückgeben. Sie hat mir eine Chance gegeben – so unerwartet. Da hab ich sie ergriffen.

Katrin: Spaß haben…? Für die meisten bedeutet Turniertanz jahrelanges hartes Training. Und Du willst einfach Spaß haben?

Melani: Turniertanz – da steht bei mir nicht der Wettbewerbsgedanke im Vordergrund. Wenn ich tanze, dann will ich fürs Publikum tanzen. Ich will sie mit meinem Gefühl anstecken. Ich spür die Musik in mir. Auf dem Parkett hab ich die Chance, genau das zu teilen. Ich will sie begeistern mit dem was ich tue. Die Freude am Tun, die ich in mir trage, soll das Publikum spüren können. Und diese Freude ist ganz unabhängig davon mit wem und wie gut ich tanze. Also hab ich nicht groß drüber nachgedacht.

Tanzen ist mein Leben, ich habe schon ganz früh angefangen – immer fehlte ein Tanzpartner. Dann kam der Moment, in dem ich zwei Frauen tanzen sah und dachte „Wow, so wie die will ich auch tanzen“. Die Leidenschaft wohnt praktisch in mir. Es gibt nichts Wichtigeres in meinem Leben. Ja, auch in meinem Beruf als Lehrerin bin ich leidenschaftlich und dort ist mein Glück nicht so an andere geknüpft. Doch zum Paartanzen braucht man nun mal eine/n Tanzpartnerin.

Katrin: Gab es auf dem Parkett Ängste oder Zweifel?

Melani: Ab dem Moment, als ich zu Jacky sagte „Lass es uns probieren“ hatte ich keinen Augenblick mehr Zweifel an mir selbst. Jacky führt. Ich folge. Viel wichtiger war mir, Jacky die Sicherheit zu vermitteln, dass das mit mir schon passt, dass es ihr gelingen wird, mich zu führen.
Ich habe mich allein darauf konzentriert was in diesem Augenblick wichtig war. Ich musste nur spüren was sie von mir möchte und mich dann darauf einlassen. Und das hat sich großartig angefühlt, nicht nur bei den paar Minuten, die wir uns im Flur eingetanzt haben. Sondern auch auf der Tanzfläche. Wenn Dinge einfach funktioniert haben, die wir vorher kein einziges Mal geübt hatten…

Katrin: Welche Deiner persönlichen Stärken hast Du eingesetzt?

Melani: Ich kann mich gut einlassen, kann sehr deutlich reagieren, wenn ich klare Signale bekomme. Zum Beispiel beim Führungswechsel im Jive (Anmerkung: Es ist charakteristisch für den Equality Tanzsport, dass Führende/r und Folgende/r die Rolle wechseln. Das erlaubt raffinierte Choreografien, stellt aber besonders hohe Ansprüche an beide Tanzpartner/innen). Ich hatte vorher keine Ahnung, wo man das einbauen kann. In dem Moment als von Jacky der Impuls kam „Jetzt bist du dran“ hab ich einfach gemacht. Ich habe mich einfach nur gefreut, tanzen zu können, das Publikum mit meiner Freude anzustecken und es hat wunderbar funktioniert.

Außerdem ist mir klar, dass ich eine gute Portion an Selbstdarstellungswillen brauche, wenn nicht nur die Blicke des Publikums sondern auch die Augen der kritischen Wertungsrichter auf mich gerichtet sind. Turnier bleibt Turnier. Doch in dem Moment in dem ich mich da hinstelle weiß ich das und mag ich das.

Katrin: Die Finalrunde der sieben Paare war vorbei, die Siegerehrung stand bevor. Was ging Dir durch den Kopf?

Melani: Puh, wir hatten es ohne jegliche Vorbereitung ins Finale geschafft, da konnten wir ja froh sein, wenn wir einen siebten Platz erreicht hatten. Als die Paare aufgerufen wurden, dachte ich die ganze Zeit „Jetzt, jetzt höre ich gleich meinen Namen“. Platz 7, Platz 6, Platz 5 … noch immer keine Startnummer 37. Platz 4 – wir sind es nicht – jetzt blieben nur noch die Medaillenplätze. Da flog meine Hand wie von allein hoch zur Siegerfaust. Da war ich schon sehr stolz.

(off the records: still bei sich hatte sie gedacht „Wie großartig ist das denn, jetzt habe ich ohne Vorbereitung und in Jeans andere abgehängt die monatelang trainiert haben und im super Outfit angetreten sind.“  Ihrer Kollegin erzählte sie am Montag danach, sie hätte ja eigentlich nicht viel geleistet. Sie habe ja nur getan, was sie gern tut und dafür noch eine Medaille bekommen.)

Katrin: Jetzt bist Du zurück im Alltag – wie geht es weiter?

„Ich mach einfach.“

Melani: Naja, im Alltag nehme ich mich stärker zurück – da ist mir die Rampensau eher fremd. Und doch stelle ich mich immer wieder mir unbekannten Situationen. Ich glaube, ich mach einfach. Natürlich frage ich nach, was genau man von mir erwartet. Doch weil ich hinter den Dinge stehe, die ich tue, gelingen sie. Und die Suche nach einer Tanzpartnerin geht natürlich auch weiter.

Katrin: Dein Tipp an andere Frauen, damit Sie es in ihrem Job aufs Treppchen schaffen?

Melani: Habt den Mut etwas zu tun, einfach zuzupacken, wenn sich eine Chance bietet. Auch dann wenn ihr noch nicht hundertprozentig genau wisst, was zu tun ist. Mach dir deine Stärken klar und dann vertraue darauf.

Bildquelle: Flickr/ Dörte Lange