k wie kippen

Ja, manchmal wähnen wir uns in Sicherheit mit unseren felsenfesten Erwartungen und gründlich durchdachten Planungen. Bis unser Gegenüber uns einen Ball zuwirft, der schon im Anflug nach Risiko und Flexibilität riecht.

Erst neulich:
Es wird ein komplexes strategisches Projekt gestartet, das den Markterfolg gewaltig ankurbeln soll. Die Projektleiterstelle muss deshalb unbedingt mit der richtigen Person besetzt werden. Doch der Personalmarkt für die erfahrenen Experten ist leer gefegt – im Unternehmen und extern. Jetzt tagt der Vorstand. Ratloses Achselzucken. Endlose Debatte. Woher nehmen und nicht stehlen?

Ein Vorstandskollege, bisher bekannt als großer Schweiger, schlägt unerwartet die Neue aus seinem Ressort dafür vor. Zwar sei sie erst zwei Monaten dabei, doch habe sie Biss. Hochgezogene Augenbrauen in der Runde. Diskussionswellen schäumen in Sekunden bis zur Zimmerdecke: „zu jung, zu unerfahren, die Aufgabe für sie zu komplex“. Die einträchtige Meinung der Vorstandskollegen scheint aus Beton, der Vorschlag vom Tisch gewischt. Da räuspert sich plötzlich der Vorsitzende: “Warum eigentlich nicht…?“ Perplexes Schweigen klebt im Raum…

Kippen – auf vermeintlich sicherem Boden macht ein Beteiligter plötzlich einen Vorschlag der die Regeln bricht, die bisher galten. Unerwartet kommt Irritation ins Spiel. Wenn die Beteiligten sich verändern lassen, dann ist es ein gutes Kippen der Handlung, meint Keith Johnstone *).

Ja-Sagen – ist die Regel Nr. 1 im Improvisationstheater, die von jedem Spieler tunlichst eingehalten werden sollte. Ja-Sagen bedeutet, die Ideen des anderen annehmen, auch wenn man noch nicht weiss, wohin einen diese Idee bringen wird. Ziel ist es auf der Bühne, sich emotional verändern zu lassen und flexibel reagieren zu können. Selbst dann, wenn ein gewisses Unbehagen entsteht. Wenn es unter Umständen gefährlicher wird, weil man aus der Reserve kommen muß, sich nicht mehr verstecken kann. Doch es wird auch spannender, weil Bewegung in eine scheinbar stagnierende Situation kommt. Weil plötzlich mehr Lösungen möglich sind als nur die eine, die es sich bereits im Kopf des Einzelnen gemütlich gemacht hat.

Blockieren – die Weigerung, sich verändern zu lassen, um garantiert auf sicherem Boden zu bleiben, gilt als schwerster Fehler in der Improvisation. Man blockiert sich (und seine Mitspieler), wenn man sich nicht von einer Idee in die Zukunft tragen lässt. Man läßt dem anderen keine Chance, akzeptiert dessen Ideen auf keinen Fall, macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Im Büro-Jargon bekannt als Aussitzen, Totreden, vom Tisch wischen, Killerargumente einwerfen.

Denn wer läßt sich schon wirklich gern verändern? Es ist sicherer zu bleiben, wo und wer man ist. Zutiefst menschlich. Sollen andere nach dem Slogan leben, nichts sei so beständig wie die Veränderung. Bestandswahrung als Schutzfunktion. Ein Blockieren verhindert auf der Bühne meist eine gelungene Szene. Und im Alltag?

Zulassen dass sich das Gleichgewicht verändert, sich emotional einlassen auf die Fragen, die durch das Kippen einer Situation entstehen – wie leicht fällt Ihnen das? Wie viel Mut verlangt das?

Kippen – vom Publikum werden Improteams geliebt, die miteinander so spielen, dass durch überraschende Veränderungen spannende neue Impulse die Geschichte voranbringen.

Wie, glauben Sie, wird das Stück im Vorstand weitergehen? Werden sich die Kollegen von ihren Vorsitzenden bewegen lassen, die Neue einzusetzen, um die Erfolgsstory des Unternehmens zu schreiben? Oder endet es im bekannten: „das haben wir noch nie so gemacht?“

Wie würden Sie weiterspielen?

*) Keith Johnstone gilt als Erfinder des modernen Improvisationstheaters.

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