k wie kindisch?!

Neulich habe ich mein Patenkind bei ihrem Versuch beobachtet, auf einen Tisch zu steigen. Sie hat gerade ihr erstes Jahr vollendet und das mit dem aufrechten Gang klappt noch nicht richtig. Da ist noch ganz viel Versuch und Irrtum. Auf alle Viere stellen. Füße an den Körper heranrücken. Po in die Luft strecken. Spitzen Winkel zwischen Händen und Füßen bilden. Und dann hoch. Wackeln. Ausbalancieren. Stehen. Super. Manchmal hält das noch nicht so lang in der Senkrechten und die Schwerkraft siegt. Plumps. Noch mal von vorn das Ganze. Und dann gibt es noch die Variante, nach nahe liegenden Stuhlkanten, Wandflächen, Tisch- oder Erwachsenenbeinen zu hangeln und sich daran hochzuziehen. Und nach dem zweiten Versuch kommt der dritte, der vierte, …

Es folgt die Aktion, den Tisch zu erklimmen. Ein Kindertisch, nicht höher als sechzig Zentimeter, aber immerhin. Wenn man selbst nur zwanzig Zentimeter größer ist, ein gewagtes Vorhaben. Das erfordert Mut, Anstrengung und äußerste Konzentration. Manchmal auch Hilfsmittel wie den Stuhl vor dem Tisch. So kann man das in Etappen bewältigen, fast wie die Tour de France.

Also hoch auf den Stuhl. Probieren. Kämpfen mit Händen und Füßen. Der Stuhl ist zu eng. Wieder runter. Ausprobieren von der anderen Seite. Aha, dann haben alle Viere keinen Bodenkontakt mehr. Hände loslassen. Schwanken. Und freihändig aufstehen auf dem Stuhl. Funktioniert. Strahlen übers ganze Gesicht. Belohnung an sich selbst.

Weiter geht’s. Jetzt kann man bereits die Tischkante greifen und sich hochziehen. Volle Konzentration. Mutiges Überwinden gefährlicher Überhänge. Ja, jetzt, noch ein Stück. Uff, geschafft. Jetzt sitzt man auf dem Tisch. Was für eine Leistung. Was für ein Ausblick. So weit oben.

Aus der Teppichkantenperspektive fällt mir auf, dass wir Erwachsenen Arme und Beine besser im Griff haben. Unser größter „Ich-steig-mal-eben-auf-den-Tisch-Verhinderer“ hat es sich mit den Jahren wohl eher in unserem Kopf gemütlich gemacht. Obwohl man von da oben bestimmt einen prima Überblick hat. Und dann schleicht sie sich ganz leise an. Diese Idee, wie es wäre, einmal den eigenen Schreibtisch zu erklimmen. Mit den Füßen inmitten von Papieren, Telefonen, Notebook und Teebecher. Alles erscheint plötzlich ganz klein, ganz weit weg. Was alles kann man von hier oben aus einer anderen Perspektive wahrnehmen?

Kindische Vorstellung mitten im Büro auf dem Tisch zu stehen? Wer das noch nie probiert hat, dem kann ich es wärmstens empfehlen. Sie werden überrascht sein über die ungeahnten Perspektiven. Was Ihnen von dort oben alles auffällt, wie klein manche Dinge erscheinen, die Ihnen eben noch bis zum Hals standen. Was Sie entdecken werden über Ihren persönlichen Arbeitsstil. Welcher Überblick sich bietet über die Zusammenhänge dort unten. Das ist die Mühe und die Überwindung wert.

Ein Tipp noch: Wenn Sie Ihren Schreibtisch so vollständig bedeckt haben mit den unentbehrlichen Insignien erwachsener Wichtigkeit, dass Sie unmöglich mit Ihren Schuhen da drauf steigen können, gibt es Alternativen. Sie können zum Beispiel die Schuhe ausziehen. Wenn Sie Höhenangst haben, nutzen Sie für den Anfang den Papierkorb (geleert und umgedreht). Oder Stühle, Sideboards oder Blumenbänke. Also – rausreden gilt nicht.

Nehmen Sie es sportlich, verschaffen Sie sich mal einen kleinen Abstand zu Ihrem Alltag. Klettern Sie mal hoch. Das haben Sie schon damals als Kind auch geschafft.

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