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Wollen statt Müssen: Der Weg zur Klarheit

Yvonne Jacob – Team Coach, Wirtschaftspsychologin, Fan von Productivity-Tools. 2020 haben wir uns mit Design Your LifeStory auf unsere gemeinsame Reise gemacht. Kennengelernt haben wir uns an einem ungewöhnlichen Ort…

Kannst du dich erinnern, wie wir uns kennengelernt haben?

Auf jede Antwort eine neue Frage

An das Jahr kann ich mich nicht mehr erinnern. An den Ort noch ganz genau. Es war der Rücksitz eines Autos auf der Fahrt von der WomenPower Messe Hannover zurück nach Hamburg. Ich hatte schon einiges von dir gehört und war gespannt auf die „berühmte“ 😉 Katrin.

Du hast uns während der Fahrt mit Ideen versorgt, wie wir Frauen in unserem Netzwerk stärker einbeziehen können. Wie wir sie dazu bewegen, aktiver mitzugestalten, gerade in so einem Vorhaben, in das man freiwillig neben der Arbeitszeit viel Energie reinstecken muss.

Das war pures Netzwerk-Coaching und ich dachte: „Die Frau steht ja wirklich mittendrin. Sie hat auf jede Frage eine Antwort.“ Und besser noch, du hast auch eine neue Frage zu jeder Antwort. Dir gehen die Inspirationen nie aus, weil du immer einlädst: „Guck noch mal tiefer. Schau noch mal ein Stück hinter das, was offensichtlich ist!

Neue Sicht auf Produktivität gesucht

2020 – du warst noch Angestellte – dein Briefing an mich: „Ich brauche eine neue Sicht darauf, was Produktivität wirklich für mich bedeutet.“ Heute coachst du Teams genau darin, den besten Weg zu finden, gemeinsame Ziele zu erreichen. Was für eine Reise…

Ja, manchmal kann ich es selbst kaum glauben.

Die erste Aufgabe in der LifeStory war, eine Collage zu bauen. Die drei Frauen der Gruppe hatten sich nie zuvor getroffen und es ging darum, rasch Vertrauen aufzubauen. Das war deine Collage.

Collage LifeStory Design Start Whos life is itIch fand diese Aufgabe so cool. Der Auftrag: „Finde Bilder, die für dich eine Rolle spielen, die dich ausmachen. Doch du darfst nicht drauf zu sehen sein!”

In mich hinein zu spüren: „Was klingelt da bei mir? Was geht in Resonanz?“ Die eigene Collage zusammenzustellen, die der anderen zu betrachten, und dann einzuschätzen, zu welcher Frau im Raum sie gehörte. Es war so krass, wie viel man daraus schon lesen konnte und wie uns das sehr schnell miteinander vertraut gemacht hat.

➡️TIPP: Du willst das für dich selbst ausprobieren? Hier findest du die Anleitung.

Als Versprechen an dich selbst für das LifeStory-Semester hast du formuliert „Wohlwollend zu Wollen, nicht zu Müssen.“ Was hat es damit auf sich?

Dieses Thema ist tatsächlich ein roter Faden in meinem Leben. Früher hieß es fast ausschließlich „Ich muss!“ Doch es ist schon besser geworden. Es entwickelt sich weg vom Müssen, mehr zum Wollen. Das Müssen wird kleiner. Es gibt schon immer noch Imperative. Sobald ich denke, ich muss nicht mehr müssen, läutet eine kleine Alarmglocke in meinem Kopf: „Du musst aber schon!“ Aber dieses Wollen nimmt immer mehr Raum ein. Ich erlaube mir heute viel öfter, auch wohlwollend mit mir zu sein.

Von welchem Punkt aus bist du gestartet?

Mir selbst gerecht werden? Fehlanzeige!

Sagen wir mal, ich stand ziemlich im Nebel. Ich hatte Verantwortung für ein Team. In der Firma änderte sich die Organisationsform immer mal wieder. Aus der klassischen Teamleitungsstruktur wurde eine Matrix mit Chaptern und Tribes. In meiner Tribe-Lead-Verantwortung habe ich mich bemüht, meinem Team und meinen Kunden gerecht zu werden. Mir selbst gerecht zu werden, das fiel immer hinten runter.

Genau deshalb wurde mir klar: „Ich brauche ein anderes Verständnis von Produktivität!“ Ich habe immer versucht, viel zu machen, viel zu schaffen, viel abzuhaken. Doch gleichzeitig begleitete mich das Gefühl: „Ich komme nirgendwo hin. Ich komme nirgendwo weiter.“

Vielleicht passte ich noch nicht einmal richtig rein. Denn ich hatte oft eine andere Perspektive. Ich komme zwar aus der IT, ich bin aber keine klassische IT‘lerin. IT hat mich zwar immer fasziniert. Technik finde ich total spannend. Doch ich bin auch nicht die mit dem CT Abo.

2020 ging mein nebenberufliches Studium der Wirtschaftspsychologie zu Ende. Ausschlaggebend war, dass ich langsam fertig wurde mit meiner Masterarbeit.

Damit stellten sich Fragen:

  • Was mache ich jetzt damit?
  • Wie setze ich das ein?
  • Versuche ich es in meinem aktuellen Job?
  • Gehe ich in eine komplett andere Richtung?

Der Wunsch „Genuss ohne Auspowern”

Genau das war die Motivation damals loszugehen. Ich wollte herausfinden, wie es mir gelingen kann, aufregende Zeiten in meinem Leben zu genießen, ohne mich dabei versehentlich auszupowern.

So ganz habe ich das Problem bis heute nicht im Griff. Denn wenn mich etwas wirklich interessiert, dann werde ich sehr davongetragen, und komme in ein kleines High.

Warte, das ist gerade spannend – hast du gesagt, du wirst „davon getragen“ oder „davongetragen“? Fängt es dich auf oder spült es dich weg?

Es ist beides.

Es ist wie eine Welle, die ich aber nicht gut im Griff habe. Natürlich, Wellen hat man nie im Griff. Vielleicht habe ich mir die falsche Welle ausgesucht. Es fühlt sich manchmal an wie zu weit reinzugehen oder über meine Kräfte hinaus gehen.

Da kommt jetzt wieder dieses WOLLEN und MÜSSEN ins Spiel. Es gibt so einen bestimmten Grundstock, den ich einfach zu erledigen habe, wofür ich verantwortlich bin. Das passte dann nicht immer zu meinen Ansprüchen oder vielleicht auch zu meinen Werten.

Ich habe versucht, was draufzusetzen, was mich dann wiederum davonträgt. An manchen Stellen war das dann einfach zu viel. Deswegen hatte ich immer das Gefühl wenn ich was mache, was mich wirklich davonträgt: „Beißt mich das am Ende in den Hintern“?

Dann kam es wie ein Hammer und ich war einfach KO. Das ständige Ausgebremstwerden hat mich sehr genervt. Immer und immer wieder.

Dabei mochtest du deinen Job „ganz gern“, fandest es gut, in einem großen internationalen Unternehmen mit all seinen verworrenen Strukturen und Systemen zu arbeiten. Der Dreh- und Angelpunkt sei dein Rhythmus. Den müsstest du nur synchronisiert bekommen, hast du gesagt.

Das war damals auch so. So ein Konzern ist wie eine eigene Welt. Aber irgendwann kennt man die gut genug und ich wollte wissen, was es sonst noch für Welten gibt und in welchen Rhythmen die schwingen.

Unabhängigkeit erobert ihren Platz zurück

Wie ist das dann eigentlich mit der Selbstständigkeit passiert?

Als wir uns in der LifeStory intensiv mit unseren Werten auseinandergesetzt haben, tauchte – neben Neugier, Inspiration, Kreativität, Ruhe – die Unabhängigkeit wieder auf.

Unabhängigkeit war für mich schon immer sehr wichtig. Doch es gab Zeiten, da hat mein Bedürfnis nach Unabhängigkeit mein Bedürfnis nach Verbindung mit anderen Menschen beeinträchtigt. Ich wollte mir nicht helfen lassen, wollte alles alleine machen. Inzwischen lasse ich mir den Koffer tragen oder die Tür aufhalten. Warum denn nicht?

In unserer Arbeit wurde mir klar, dass es um die Balance geht. Unabhängigkeit ist ein Teil von mir, aber ich muss sie nicht mehr auf 100% hochdrehen. Sie ist mir wichtig, wird mir immer wichtig bleiben. Ich hatte sie eine Weile aus den Augen verloren, doch jetzt ist sie zurück.

Ich brauche einfach viel Zeit für mich

Gleichzeitig ist Ruhe ist immer ein Thema für mich. Ich bin ein introvertierter Mensch, brauche sehr viel Zeit für mich. Wenn ich Dinge wirklich zu regeln habe für mich, dann mache ich das erst mal mit mir aus. Dafür ist Ruhe einfach richtig. Das wird immer so bleiben.

Erstmal einen Schritt zurücktreten

Es gab einen Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich ganz schön ko war. An diesem Punkt kannst du nicht losgehen und Pläne für später machen. Ich musste erstmal einen Schritt zurücktreten.

Zunächst einmal habe ich versucht, im Konzern eine andere Ausdrucksform zu finden. Ich bin vom Operations-Management nicht weg, sondern habe on top noch das Migrationsprojekt eines Kunden gemanagt. Ich dachte, ich brauche mal was mit einem Anfang, einem Ende und einer Mitte, aber vor allem einem Schluss.

Gekündigt. Ohne wirklich zu wissen, was kommt.

Doch es hat sich herausgestellt, dass auch diese Veränderung mir nicht ausreichte. Ich war einfach müde. Ich war kaputt.

Dann habe ich gekündigt, ohne wirklich zu wissen, was danach kommt. Ich dachte: „Ich lege mich einfach mal zwei Monate auf die Couch, dann klärt sich mein Gehirn und dann weiß ich, was ich mache.

Puh, das finde ich mutig. Viele würden das in der heutigen Zeit nicht wagen.

Na ja, ich weiß nicht, Mut? Mir ist diese Postkarte begegnet mit dem Flemming-Gedicht von den vielen Gründen, alles beim Alten zu lassen. Der einzige, endlich etwas zu verändern: Man hält es einfach nicht mehr aus. (Quelle: Annäherung 2.0. Gedichte)

Gedicht Hans-Curt Flemming Brandherd

Und es ging halt nicht mehr weiter. Ich glaube, drin zu bleiben wäre nicht gut ausgegangen für mich. Ich hatte nicht das Gefühl, eine Wahl zu haben. So müde wie ich war, war es egal, was danach passiert. Erst mal raus.

Dann habe ich darauf vertraut, dass sich etwas ergeben wird, wenn ich erst einmal wieder mehr Kraft habe. Na gut, war nicht ganz so einfach mit dem Geistesblitz, wie es denn jetzt weitergehen soll 😉. Ich musste schon überlegen: „Was kann ich denn? Was mache ich denn?

Wenn du Mut eher skeptisch gegenüberstehst, welcher Anteil in dir ist es, der dich dazu bringt, mit immer wieder neuen Dingen rauszugehen? Dich damit zu zeigen?

Angst vor langweiligen Routinen

Für mich beantwortet Mut eigentlich nur die Frage: „Wovor hast du mehr Angst?

Größer als die Angst zu scheitern ist die Angst davor, in Routinen zu fallen die mich langweilen. Zusätzlich besitze ich eine gewisse Verbissenheit oder Sturheit. Ich denke mir: „Okay, da will ich hin und dann will ich dies und jenes machen.“ Mir macht Rausgehen – etwas von mir zeigen, mich ausprobieren – einfach Spaß.

In der agilen Welt sagt man: „Kill your darlings“. Meine Darlings sind mir vielleicht einfach nie so lieb, dass ich nicht gewillt bin, sie rauszuhauen: „Hier, guck mal. Ist gut? Nein? Ist nicht gut? Dann schmeißen wir es halt weg.“ Dann baue ich mir etwas Neues.

Es kommt auch durch den Job, den ich jahrelang hatte. Ein Team zu führen, vor Kunden Dinge zu vertreten und Zahlen zu verantworten, dazu braucht es eine gewisse „Rampensau-Mentalität“. Gerade in einer Telefonkonferenz musst du die Leute bei der Stange halten. Das habe ich gelernt und es macht mir vielleicht weniger aus als anderen.

Das ist eine echte Trumpfkarte auf meinem Weg.

Einfach mal machen

Wenn ich mich früher beschwert habe, dass nichts voran geht, hat mein Vater Kästner zitiert: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Also: Einfach mal machen. Vor allem selber machen, und nicht drauf warten, bis jemand anderes etwas tut.

Was war der Moment, in dem du dich entschieden hast: „Ich mache mich jetzt selbständig!“? Gab es den Point of No Return?

Ja, der war vielleicht schon viel früher als die Kündigung. Es war die Erfahrung, wenig Einfluss zu haben auf die großen Entscheidungen, die im Konzern getroffen werden. Ich hatte zwar einen gewissen Spielraum im eigenen Job und im eigenen Team, aber kam dann doch schnell an Grenzen. Das wollte ich einfach nicht mehr.

Es gab immer wieder Dinge, die wollte ich anders machen. Doch ich habe nicht die Freiheit gespürt zu sagen: „Ich mache es jetzt einfach mal anders!“ Der Wunsch, selbstständig zu arbeiten, war schon da, bevor mir richtig klar war, was es inhaltlich werden soll. Doch das darf sich immer noch weiterentwickeln.

Heute berätst du Teams, die abliefern und mit einem fetten High-Five nach Hause gehen wollen…

Ich durfte in meiner beruflichen Laufbahn so viele unterschiedliche Teamkonstellationen erleben, ich war Teil von Teams und ich habe Teams geleitet. Teams haben so viele Dimensionen: Wie sind sie räumlich verteilt, wie stabil sind sie, wie klar sind sie als Team überhaupt abgegrenzt, wie homogen oder heterogen sind sie zusammengesetzt?

Das ist superspannend.

Virtuelle Teams: für mich vertrautes Terrain

In meiner damaligen Firma schien man anzunehmen: “Wir brauchen nur ein Telefon und dann läuft das mit der Zusammenarbeit wie von allein”. Ich war ganz froh, wenn ich mal reisen durfte (auch wenn es nicht die spannendsten Reiseziele waren). Mit Corona war dann plötzlich überall zu lesen, wieviel anstrengender es sei, den ganzen Tag in Videokonferenzen zu sitzen.

Da dachte ich: „Aha, na so was...“

Deshalb ging es auch in meiner Masterarbeit um virtuelle Teams. Es war ein Feld, in dem ich viel gearbeitet und dabei selbst erlebt habe, wie schwierig und anstrengend das sein kann.

Mich ausprobieren im geschützen Rahmen

Dazu war es super hilfreich, dass man schon Leute kennt, also Netzwerke. Ich habe aus der Women@T-North-Community Unterstützung bekommen, auch wenn ich nicht mehr im Konzern war. Auch mit den Frauen der Life-Story treffen wir uns viermal im Jahr in Hamburg. So lerne ich immer wieder neue Leute kennen, bekomme neue Inspirationen, kann im geschützten Rahmen überprüfen, wie eigene Sachen funktionieren, die ich zum Thema Produktivität entwickelt habe.

Wie zum Beispiel meinen Workshop Entschlossen loslegen, achtsam umsetzen, zufrieden einschlafen! Zuerst habe ich den mit euch getestet; danach habe ich ihn Ladies Mentoring–Netzwerk gehalten.

Sich so ausprobieren zu können, das ist sehr, sehr wichtig gewesen.

Manche Hürden erkennt man erst im Nachhinein

Was war schwierig? Welche Hürden gab es auf deinem Weg zu überwinden?

Ich habe mir nicht früh genug ganz klar die Frage gestellt: „Mit wem will ich eigentlich arbeiten? Was sind das für Menschen?“ Darauf hatte ich am Anfang keine klare Antwort.

Klassischer Anfängerinnenfehler in der Selbständigkeit: Ich wollte erst mal so breit wie möglich aufgestellt sein. Dann ist es aber richtig schwer, eine Ansprache zu finden, die sich authentisch anfühlt. Je besser ich verstehe, mit was für Menschen ich wirklich arbeiten will, desto leichter wird es auch, über meine Arbeit zu sprechen.

Nächste Hürde: Über Akquise wusste ich gar nichts. Das lerne ich immer noch.

Überhaupt wusste ich sehr wenig darüber, wie Selbstständigkeit funktioniert. Heute bin ich froh, vorher nicht so viel gewusst zu haben. Vielleicht hätte ich es sonst nicht gemacht. Man muss sich ja mit sehr vielen Dingen intensiver beschäftigen, die sonst nie ein Problem sind.

Eben dieses Verkaufen. Das machen sonst andere Leute für dich. In der Firma musste ich damals nur dafür sorgen, dass wir liefern. Auch wenn wir uns oft genug darüber aufgeregt haben, dass das, was dem Kunden verkauft worden war, nicht ganz so leicht hinzubekommen war, wie Sales es dargestellt hatte.

Jeden Tag eine neue Entscheidung

Jetzt liegt alles in meiner Hand. Das ist nach wie vor total spannend. Man kümmert sich um alles selbst. Nicht alles funktioniert sofort. Vieles funktioniert einfach gar nicht. Dann probiert man weiter, steht immer wieder vor der Entscheidung: Gehe ich weiter gerade aus? Verlasse ich den Pfad? Versuche ich mal eine Abzweigung nach links oder rechts? Das ist nicht schlimm, aber es ist schon ganz anders als vorher.

Welchen nützlichen Umweg gab es auf deiner Reise?

In meinem alten Job habe ich sehr, sehr viel gelernt. Manchmal habe ich ihn zwar verflucht, doch es war schon nützlich, in diesem Konzern zu arbeiten. Es war wie ein kleiner Dschungel, in dem man viele Menschen trifft, die alle unterschiedliche Dinge gemacht haben (manchmal auch immer wieder dasselbe, ohne dass es wirklich jemanden weitergebracht hat 😉).

Doch ich habe früher nicht gut auf meine Grenzen geachtet.

Da hatte ich so ein BWL-Mindset: „Man muss etwas messen können, damit es einen Wert hat!“ Ich war ständig mit der Frage beschäftigt: „Wie misst man den Wert?“ Mittlerweile habe ich da eine sehr andere Sicht drauf.

Nicht nur Dinge, die man messen kann, sind wertvoll und wenn man sich zu sehr konzentriert auf die Dinge, die messbar sind, dann quetscht man am Ende die Seele aus allem raus, was der Mensch so tut.

Nicht nur Dinge, die man messen kann, sind wertvoll und wenn man sich zu sehr konzentriert auf die Dinge, die messbar sind, dann quetscht man am Ende die Seele aus allem raus, was der Mensch so tut. 

Ein nie dagewesener Gestaltungsspielraum

Was bedeutet deine Selbstständigkeit aktuell für dich und dein Leben? Was bedeutet sie für Menschen, mit denen du arbeitest?

Für mich bedeutet es einen vorher nie da gewesenen Gestaltungsspielraum. Ich habe manchmal das Gefühl, ich probiere jetzt aus, was ich Anfang der 20er – direkt nach der Schule – nicht ausprobiert habe. Damals bin ich direkt vom Abi – ohne zu experimentieren – ins BWL-Vernunft-Studium. Jetzt nutze ich die Möglichkeit, auszuprobieren was funktioniert.

So viele unterschiedliche Sachen zu lernen, das finde ich supercool: Ich lasse mich viel mehr davon leiten, was wichtig für mich ist. Muss nichts mehr lernen, was mir nichts bedeutet und nur für andere wichtig war.

Mein Ziel für Teams? Sich wirksam erleben!

Für Menschen, mit denen ich arbeite, bedeutet es Wege zu finden, sich wirksam zu fühlen. Sie sollen nicht länger das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. Nicht länger die Erfahrung machen: „Wir versuchen die ganze Zeit irgendwas und kommen zu nichts…“, sondern dass sie Wege finden, miteinander zu kommunizieren, einen Raum zu finden, der für alle funktioniert. Sie sollen erleben, was es bringt, im Team zu schauen: „Wo wollen wir eigentlich gemeinsam hin? Wie ziehen wir an einem Strang (statt jede/r in eine andere Richtung)? Wie wird es sein, am Ende anzukommen?“

Selbstverteidigung gegen die Einflüsse der Welt,

Es ist so viel los in der Welt heutzutage, es strömt so viel auf uns ein. Deshalb ist es nicht nur die Frage: Wie gut oder schlecht bist du organisiert? Ich sehe es als eine Selbstverteidigung gegen die Einflüsse der Welt.

Man muss hinschauen:

  • Wo will ich eigentlich hin?
  • Was steht mir dabei alles im Weg?
  • Wie komme ich mit so wenig wie möglich Blessuren durch?

Im Produktivitätsbereich klingt das oft nach: „Bam, bam, bam, mach das, dann schaffst du das, da, da, da…

Doch das ist ja nicht alles. Du kannst zwanzig Tipps bekommen, wie du deine To-Do-Liste machst. Doch du musst eine davon raussuchen, die für DICH funktioniert. Und die ist vielleicht eine andere als die deines Gegenübers. Frag dich auch immer:

  • Wie viel Struktur brauche ich in meinem Leben?
  • Ist es gut für mich, wenn ich alles durchplane (wie andere, die ihren Tag angeblich in einen 5-Minuten-Takt aufteilen)?
  • Wie viel Freiraum brauche ich? Und wann?

Das musst du für dich alles rausfinden und dir natürlich klar sein, wo du hinwillst. Erst dann kann man damit arbeiten:

  • Was ist dein System?
  • Was sind deine Tools?
  • Was ist dein Weg, damit du gut durchkommst?

Einen Schritt weiter statt nur Wassertreten

Ich habe nicht den Anspruch, dich zum Superman zu machen, sondern nur dafür zu sorgen, dass du am Ende des Tages das Gefühl hast „Ich bin einen Schritt weitergekommen auf dem Weg dorthin, wo ich hinwill.“

Auch ich will dieses Gefühl haben, einen Schritt weiter auf mein Ziel zugekommen zu sein und mich nicht nur mit Wassertreten beschäftigt zu haben.

Als Orientierung für Einzelne kann ich das sofort nachvollziehen. Aber wie funktioniert das für Teams?

Bevor man sich im Team darauf einigt, wo man gemeinsam hinwill, gibt es ein paar Hausaufgaben zu erledigen.

Man arbeitet ja nicht im luftleeren Raum. Zuerst schaut man: Was ist unsere Aufgabe als Team? Man ist ja für irgendwas eingesetzt worden. Vielleicht hat das Unternehmen eine Methode, dass z. B. mittels OKRs Ziele aufeinander abgestimmt werden. Vielleicht auch nicht.

➡️TIPP: Du kennst OKR nicht? Hier beschreibt Maren Martschenko, wie es geht.

Vielleicht bekommt man Unternehmensziele vorgesetzt. Vielleicht sind die auch gar nicht so konkret und greifbar.

In funktionierenden Teams steckt viel Arbeit

Trotzdem ist es wichtig, sich als Team dran zu setzen:

  • Was bedeuten dieser Auftrag, diese Ziele für uns?
  • Was ist denn unsere Mission? Wo wollen wir hin?
  • Was ist unser gemeinsames Verständnis unserer Aufgabe?
  • In welcher Qualität liefern wir?
  • Wie viel Aufwand wollen wir reinstecken?

In der IT zum Beispiel, ist es ein Unterschied, ob das System einfach „nur“ laufen soll. Oder wollen wir noch einen Service dazu bieten, und geben dem Kunden Empfehlungen dazu: Du könntest dort Kapazitäten einsparen, da noch einen anderen Service zubuchen, der nützlich ist. Du kannst dort ein bisschen mehr Housekeeping machen, dann hast du da weniger Aufwand …, was auch immer.

Gerade im Bereich Service – diesem Gesamtpaket, das der Kunde kauft, wenn er Betrieb der IT Systeme bestellt – gibt es oft Konflikte. Menschen haben ein unterschiedliches Verständnis davon, wie guter Service aussehen soll.

Dazu kommt ganz klassisch die Verteilung der Rollen. Wer macht eigentlich was? Das bedeutet nicht: Wer hat welchen Jobtitel? Sondern: Was machen wir tatsächlich? Wer fühlt sich wofür verantwortlich? Ist das klar abgegrenzt? Gibt es Überlappungen? Macht jede/r ungefähr das, worin er/sie gut ist? Oder werden da Leuten Sachen „übergezogen“, die ihnen nicht liegen? Das bringt nichts. Nur suboptimale Ergebnisse und Unzufriedenheit.

Dauerbrenner Kommunikation

Ein Dauerbrenner: Wie kommunizieren wir?

Yvonne Jacob: warum es Transparenz im Team braucht, um zu Wollen statt MüssenWollen wir wirklich noch E-Mails schreiben? Oder wie nutzen wir Chat?

Wie teilen wir Aufgaben auf?

Nehmen wir ein Ticketsystem oder ein Kanban-Bord?

Ist es okay, nachts noch was zu schreiben?

Dazu kommt die Sache mit den persönlichen Zielen.

Jede/r kommt ja aus einem anderen Umfeld. Die einen haben vielleicht Kinder, andere gesundheitliche Probleme. Die nächsten wollen ihren Sportverein ehrenamtlich unterstützen. Manche wollen gerne bis Mitternacht arbeiten, aber bis Mittag schlafen. All diese Sachen muss man im Team mal besprochen haben: Wo sind die Wünsche? Alle wird man nicht erfüllen können. Aber worauf einigen wir uns?

Spricht man über diese vielen Dinge, kann es einfacher werde. Wenn ich weiß, ich kann mich austoben und abends um neun Uhr noch E-Mails schicken, dann setzt das niemanden unter Druck. Ich kann morgens aber auch ausschlafen, weil wir das so vereinbart haben. Dann ist das was ganz anderes, als wenn ich nie weiß, kann ich jetzt gehen? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben?

An deinen Beispielen erkennt man die erfahrene Praktikerin. Du kennst dich wirklich gut aus. Wer wird sich ärgern, wenn er nicht – oder zu spät – mit dir gearbeitet (und sich stattdessen lieber weiter gequält) hat?

Zum einen sind das alle Unternehmen, in denen Nörgeleien an der Tagesordnung sind. Niemand ist so richtig glücklich, nichts funktioniert reibungslos. Doch sie unternehmen auch nichts. Dazu kommen Einzelne, die die ganze Zeit versuchen, Anforderungen abzuarbeiten und trotzdem das Gefühl haben, nicht hinterherzukommen.

Es sind auch Teams:

  • die keine neuen Ideen entwickeln, weil sie im eigenen Saft schmoren. Doch sie schaffen es nicht, miteinander zu reden.
  • aus denen nach und nach die talentierten Menschen verschwinden.
  • die es nicht schaffen, Ergebnisse pünktlich oder in der vereinbarten Qualität abzuliefern.
  • denen der Teamgeist abhandengekommen ist.
  • die mehr Energie darauf verwenden, Probleme vor den Kunden zu verstecken als sie anzugehen.
  • die frisch zusammengesetzt sind und sehr sehr schnell einen Arbeitsrhythmus finden müssen, bevor die ersten Deadlines fällig werden.
  • in denen es Konflikte zwischen den Generationen gibt, die nicht adressiert werden.

Der letzte Punkt erinnert mich daran, dass du während der LifeStory auch viele kreative Ideen hattest, wie du dazu beitragen kannst, das Leben von Senior:innen zu verbessern. Auch aktuell hast du was am Start. Was bewegt dich so an diesem Thema?

Mit Alter anders umgehen

Ich habe immer nach vorne geblickt, hatte ein Bedürfnis zu sehen, was kommt. Sagen wir so – ich gucke schon bis ans Ende, tatsächlich bis an mein Lebensende. Stelle dabei fest, dass meine Wahrnehmung davon, wie wir heute altern, nicht rosig aussieht.

Dachte ich als Teenager noch: „Ich will mal alt und weise werden“, denke ich mittlerweile, dass das mit der Weisheit wahrscheinlich schon viel früher passiert. Aber dann wird es schwieriger. Ich finde, wir gehen weder mit dem Altern noch mit Älteren gut um. Ich möchte später nicht so behandelt werden.

Gleichzeitig sehe ich, dass wir wahnsinnig viele Technologien haben, die uns das Leben leichter machen. Die würden auch super für Ältere funktionieren. Daher kam damals diese Senior-und-IT-Idee.

Aber ich bin keine Ingenieurin, kann nicht selber Technologien für Ältere entwerfen. Damit hat sich dieses Interesse weiterentwickelt. Heute arbeite ich mit einer ehemaligen Kollegin zusammen an der Webseite altershelfer.de.

Dort wenden wir uns an die Kinder derer, die jetzt gerade im hohen Alter sind und vielleicht Hilfe brauchen. Wir stellen Wegweiser auf, wenn die eigenen Eltern oder andere Zugehörige nicht mehr so richtig alleine klarkommen. Dort kann ich meine Skills sehr viel besser einsetzen.

Was kann man Mama, Papa, Oma, Opa an Technologien hinstellen, die das Leben interessanter machen? Zum Beispiel könnten sie mit Duolingo eine Sprache wieder auffrischen, die sie früher mal gelernt haben. Oder lass sie mit der KI reden, das ist super. Oder online Zeitungen lesen.

Doch es gibt auch praktische Fragen:

  • Wie organisiert man einen Pflegeplatz?
  • Was gibt es für Finanzierungshilfen?
  • Wo findet man Hilfe als Angehörige, sich auszutauschen?

Da gibt es ja schon ganz viel. Ich muss nicht selber was erfinden, was ich nicht kann, sondern mein Ziel ist zusammenzubringen, was schon da ist.

Ich will im Alter nicht so behandelt werden, wie man heute Ältere behandelt

Meine Absicht dabei: Wenn ich mal so alt bin, können wir besser darüber sprechen, bin ich auch persönlich besser darauf vorbereitet, und arrangiere mich besser damit, älter zu werden oder alt. Viele blenden aus, dass man schwächer und oder kränker werden könnte. Dabei kann es jedem passieren. Die Frage, die mich bewegt: „Was kann ich da noch?

Ich bin überzeugt, das ist eine ganze Menge. Auch im Alter kann man noch dazulernen. Allein schon Zurechtzukommen, ohne dass man richtig sieht, richtig hört, sich nicht mehr richtig bewegen kann. Man muss ja seinen kompletten Alltag umorganisieren, sich anpassen. Das ist eine riesengroße Lernleistung.

Kurz gesagt: Ich befasse mich mit diesem Thema, weil ich davon ausgehe, dass es irgendwann mal für mich relevant wird. Ich möchte vorbereitet sein.

Wenn du sagst „Ich möchte im Alter nicht so behandelt werden, wie man Ältere heute behandelt.“, entdecke ich hier wieder diesen roten Faden „Wollen. Nicht müssen!“ In unserer letzten Session der LifeStory hast du eine Entscheidung getroffen: „Ich entscheide mich für meinen Rhythmus!“ Dazu hatte ich euch gebeten, ein Manifest zu verfassen. Wie aktuell ist das heute noch?

Wollen statt müssen und andere StatementsDie Punkte sind nach wie vor relevant.

Lernen braucht keinen Zweck. Ist manchmal schwer. Oft denke ich: „Es muss sich am Ende rentieren.“ Aber so funktioniert das nicht. Manchmal setzt man sich mit Dingen auseinander, aus denen entstehen dann neue Ideen. Der Punkt darf gern ein bisschen größer werden.

Im Zweifel gehe ich davon aus, dass es gut genug ist. Das kann ich mittlerweile ganz gut. Klar habe ich in ausgewählten Projekten gern noch ein Schleifchen dran. Doch oft reicht auch gut genug.

Es ist okay, nicht da zu sein. Ich übe mich im Absagen. Auch wenn es mir noch sehr schwerfällt, weil ich oft denke: „Ich enttäusche die Leute so doll.“ Dabei ist das totaler Quatsch. Ich glaube, viele sind dankbar, wenn mal was ausfällt.

Wollen. Nicht müssen. Ja, das bleibt nach wie vor relevant. Denn es kann so viel Schwung geben, wenn man dem Wollen einfach folgt.

Zu anstrengend, sich in Schablonen zu pressen

Klar, manche Sachen muss man im Leben tun. Wir leben in einer Gesellschaft zusammen. Da gilt es, gewisse Kompromisse zu machen, sich an gewisse Regeln zu halten. Das ist schon richtig so. Aber sich komplett zu verbiegen, sich in Schablonen zu pressen oder vorgegebenen Lebenswegen folgen zu wollen, das ist unglaublich anstrengend.

Es fühlt sich an, wie in ein Gummiband reinzulaufen, das zwischen zwei Bäumen gespannt ist. Man läuft immer weiter, kommt vielleicht auch ein ganzes Stück. Doch irgendwann schleudert es einen mit Wucht zurück. Dann weißt du nicht, wo du landest und musst erst mal gucken, dass du wieder einen Weg findest.

Es lohnt sich mehr, auf sein WOLLEN zu hören

Deswegen lohnt es sich viel mehr, auf sein Wollen zu hören.

Oft ist die Antwort auf eine bestimmte Frage ja schon in uns. Man muss (sich) nur zuhören.

Zum Beispiel war mir Storytelling immer suspekt: „Was soll denn da rauskommen?“, fragte ich mich immer. Aber neulich bei diesem StoryCircle war ich sehr fasziniert, was aus einer halben Stunde erzählen plötzlich an Erkenntnissen entsteht.

Ich habe immer gerne eine Anleitung. Schritt eins, zwei, drei, vier, und dann kommst du am Ende irgendwo raus. Klar hat auch eine Geschichte eine Struktur, aber die fließt, sie mäandert so unscharf… Zu entdecken, dass auch auf diese Art gute Erkenntnisse, ein Sinn zustande kommen, da lerne ich sehr viel von dir.

Immer die richtige Intuition

Gibt es aus deiner Sicht noch andere Gründe, mit mir zu arbeiten?

In der Gruppe hast du ein so cooles Talent, Leute zusammen zusammenzubringen, ein tiefes Gespür dafür, wer zusammenpasst. Das ist wie bei der Collage in der LifeStory, über die wir vorhin gesprochen haben.

Auch beim StoryTeller an deinem Küchentisch, gibt es interessante Kombinationen von Menschen, wo du die Leute einfach super zusammenbringst. Man fühlt sich sofort wohl.

Du hast immer die richtige Intuition dafür, was dein Gegenüber gerade braucht. Im Einzelcoaching erinnere ich mich gut, dass wir mal um die Alster gelaufen sind. In dieser Session war ich innerlich so chaotisch, dass ich es im Raum nicht aushalten konnte. Ohne ein Wort von mir hast du gemerkt, da ist was, das ich noch nicht mal selbst artikulieren konnte. Du hast es angesprochen und ich habe bekommen, was mir gutgetan hat.

Orientierung selbst im Nebel

Manchmal sagst du: „Hier ist eine komische Stimmung im Raum. Lasst uns da mal reinbohren.“ Ich glaube, dieses „Reinbohren“ ist auch so ein Ding, das du gut kannst. Da habe ich Respekt davor. Du hast diese Gabe, Dingen auf den Grund zu gehen. Behutsam und sanft, aber konsequent. Auf jeden Fall kommst du am Grund an. Jeden Versuch, sich hinter bequemen Ausreden zu verstecken, bekommst du mit.

So „zauberst“ du manchmal auch Erkenntnisse hervor, von denen man gar nicht wusste, dass man damit ein Thema hatte. Das ist echt bereichernd.

Deshalb klare Empfehlung: Wenn jemand ein diffuses Gefühl hat, was für sie oder ihn als Nächstes dran ist, wenn man sich orientierungslos fühlt, irgendwie im Nebel steht, geh zu Katrin. Lass dich drauf ein, und sie wird dich leiten und dich halten, wenn du versuchst, wegzulaufen. Aber niemals so, dass es unangenehm wird.

Die Arbeit mit dir bringt einfach so viel Klarheit, wenn man nicht genau weiß, wo man steht, was man braucht, wohin man will und wie man dort hinkommt. Man bekommt so viel mehr Zufriedenheit.

 

Spuren des Lebens

Stapfen wir an einem sonnigen Tag durch tiefen Schnee, dann sind sie am schönsten. Auf einer langmähnigen Sommerwiese bleibt ein Pfad aus plattgetretenen Grashalmen zurück. An der Nordsee klebt der Schaumsaum im Sand, wenn die Wellen sich zurückziehen.

Spuren der Natur.

Hast du dich gestoßen, bleibt vielleicht ein blauer Fleck. Hast du bis zur Erschöpfung gearbeitet oder dich am Sinn deiner Arbeit erfreut, hast dich gestritten oder verliebt in diesem Jahr – ab jetzt gehören sie zu dir.

Spuren deines Lebens.

Kein Leben geht spurlos vorüber.

In jedem von uns bleiben Spuren des Jahres zurück, die die Umstände unseres Lebens dort hinterlassen haben.

Ereignisse und Überraschungen – freudig oder scheußlich, und all das, was dazwischen liegt.

Andere Menschen – liebevoll, wohlwollend, verletzend oder einfach nur unachtsam – mit Blicken, Worten, Taten.

Spuren, die wir in uns selbst hinterlassen – wenn wir mit uns meckern, uns antreiben oder freundlich und nachsichtig behandeln.

Und dann gibt es Spuren, die wir in diesem Jahr im Leben anderer Menschen gezogen haben; sicht- oder unsichtbar.

Wenn du in den Tagen zwischen den Jahren auf deine ganz individuellen Spuren schauen willst (ich empfehle einen Blick der wertschätzt, wer du wirklich bist) – hier ein paar Ideen von mir. Schau selbst, welche am besten zu dir passen.

  • Welche Spuren hat das Jahr in dir / an dir hinterlassen? Äußerlich sind es vielleicht ein paar weiße Haare, im Innen eine Erkenntnis, eine Verletzung, ein Moment des Glücks, den du noch in dir trägst?
  • Welche Ereignisse haben dich verändert? Beruflich, im Familien- oder Freundeskreis, gesellschaftlich? Haben sie dich wachsen lassen (wodurch) oder dir wichtige Erkenntnisse geschenkt (welche)? Oder haben sie dich niedergedrückt und du wünschst dir einen Ausweg aus den ewig gleichen Geschichten?
  • Welche neuen Seiten oder Möglichkeiten hast du an dir entdeckt? Von welchen alten hast du dich verabschiedet?
  • In welchen Augenblicken des Jahres warst du stolz auf dich? Oder sauer? Welche Spuren davon bleiben im Gedächtnis in Gedankenschleifen hängen, oder als Kondensstreifen der Freude im 💓? Schau deinen Kalender 2024 nochmal durch, du findest mit Sicherheit etwas.
  • Welchen Spuren wolltest du folgen, und hast es dann doch nicht (oder nicht ausreichend) getan?
  • Welche Begegnungen waren so kostbar, dass du noch gern daran denkst? Oder war das Wertvolle daran eher die Herausforderung, an der du wachsen musstest (durftest)?

Spuren des Lebens sind ein ewiger Kreislauf.

Schließen wir den Kreis.

Welche Spuren des Lebens hast du hinterlassen?

Welche Spuren behält dieses Jahr von dir zurück?

Bei wem oder wodurch hast du 2024 Spuren hinterlassen – beruflich, persönlich, familiär, gesellschaftlich…? In den Köpfen und Herzen?

Waren sie klein, wie z.B. ein Lächeln an eine Unbekannte zu verschenken. Oder groß, wie einem verzweifelten Menschen in seiner Not zuzuhören, auch wenn du eigentlich keine Zeit dafür hattest? Oder einer Ungerechtigkeit endlich einen Riegel vorzuschieben? Bist du aufgestanden, hast dich gerade gemacht für etwas, das dir am Herzen liegt? Hast anderen Mut gegeben, das gleiche zu tun?

2024 geht zu Ende. 2025 beginnt.

Doch so wie Jahreszahlen nur menschengemachte Zäsuren sind, Spuren ziehen weiter ihre Kreise.

Welchen Spuren willst du weiter folgen? Jetzt gleich?

Welche möchtest du im neuen Jahr kraftvoller entwickeln? Deinem Leben neuen Schwung geben?

Ich bin gespannt auf deine Ideen. Teile sie gern in den Kommentaren.

 

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* Dieser Artikel ist entstanden als Dankeschön für die berührenden Stories, die meine Gäste beim StoryTeller im Dezember 2024 zum Thema Spuren des Lebens mit mir geteilt haben.

Kommunikation: mein Schlüssel zur Freiheit

Silke, du bist im Februar 2022 durch eine Empfehlung zu mir gekommen. Meine ersten Notizen: „Assistentin der GF, ertrinkt in Arbeit, Bandscheibenvorfall, Tinnitus, sehr schwierige Gesprächssituationen im Office…“

Seit 2024 bist du selbständig als Virtuelle Assistentin. Was für eine Reise.

Für welche Herausforderung hast du mich damals als Coach gebucht?

An die Zeit damals kann ich mich sehr gut erinnern. Mein Körper sprach eine deutliche Sprache. Dabei machte es mir im Büro doch eigentlich Spaß. Aber mir war klar, dass es so nicht weitergehen kann. Ich wollte lernen, meine Grenzen besser zu wahren. Ich konnte gar nicht für mich sprechen.

Mein Motto war: „Hauptsache allen anderen geht es gut“.

Deshalb mein Ziel: „Meine persönlichen Grenzen definieren, kommunizieren und wahren. Entspannt und gelassen zu dem stehen, was mir wichtig ist.“

Du hast mal gesagt “Kakteen gedeihen nicht in der Antarktis”. Was heißt das?

Ich war einfach in der falschen Umgebung.

Deshalb wollte ich genau hinschauen: Wer bin ich eigentlich? Wie fühle ich mich? Ich wollte endlich sagen können: „Ja, genau so bin ich. So bleibe ich. So bin ich völlig in Ordnung. Ich bin ich genauso viel wert wie alle anderen auch.

Es gab einen Moment, in dem ich feststellen musste, dass die aktuelle Job-Umgebung nicht mehr meiner eigenen Energie entspricht. Da war ich bereit, mich auf die Reise zu machen.

Der Schlüssel “Die sein, die ich wirklich bin”

Ich wollte herausfinden, wie ich dorthin komme, wo meine eigene Energie genau hinpasst. Wo ich die sein darf, die ich bin, weil ich genau richtig bin. Zu diesem Raum hat mich das StoryCoaching herangeführt.

Gab es einen bestimmten Augenblick, in dem du deine Entscheidung für unsere Zusammenarbeit getroffen hast?

Schon bei unserem ersten Gespräch sagte mein Bauchgefühl: „Das passt mit uns“.

Der endgültige Moment war, als du – die im Business- Coaching-Bereich unterwegs bist – plötzlich die Karten rausgezogen hast und wir begonnen haben, so ganz intuitiv zu arbeiten. Das war diese Mischung, wo ich dachte: „Ja, das ist meins.“

Ich erinnere mich noch genau an eine Karte, die zweimal auftauchte: „Die Friedensbewahrerin“. Die bewegt mich immer noch. Da sind immer noch Dimensionen offen, die ich mir erschließen kann.

Friedensbewahrerin aus kartendeck Engel und Ahnen von Kyle Gray - Illustration Lilly Moses

Kartenset Kyle Gray | Lilly Moses

Frieden hat immer zwei Seiten

Einerseits ist es die, die den Frieden bringt. Das habe ich oft gemerkt, wie sich um mich herum diese Ruhe ausbreitet, weil ich eine Lösung suche für alle Seiten. Und zum Wohle aller.

Andererseits geht es da auch um den Preis dieses Friedens. Lange Zeit war ich die Einzige, die draufgezahlt hat.

 

Eine Nachbarin meinte: „Du bist schon die, die den Frieden bringt. Aber zuerst reißt du alles ein, wie eine Urgewalt. Du walzt alles nieder, und daraus entsteht dann ein neuer Frieden. Das muss einer erstmal verkraften können. Doch wenn man sich entscheidet, diesen Weg weiterzugehen, merkt man, dass es wirklich friedlich wird.“

Katrin, das bringt die Aufgabe, die ich dir gestellt habe, auf den Punkt: „Hilf mir, mit dieser Energie, die ich heute kaum kontrollieren kann, die alles einreißen will, umzugehen. Wie kann ich diese Kraft besser nutzen, um das, was danach kommt, besser zu gestalten? Frieden zu schaffen. Innen und außen.

Gewaltige Energie friedlich nutzen

Mittlerweile weiß ich um diese Energie. Doch ich kann mich in eine Gelassenheit zurücklehnen, die auch mein Umfeld mir widerspiegelt: „Hey, wenn du sagst „Wir machen das nicht mehr, dann ist es auch in Ordnung“.

Inhaltlich arbeite ich heute an den gleichen Aufgaben wie vor zwei Jahren. Trotzdem ist es komplett anders.

Wir haben im Coaching erlebt, dass eine scharfe Trennung zwischen Business- und LifeCoaching überhaupt keinen Sinn macht…

Stimmt, das Thema Grenzen hat sich durch alles durchgezogen. Ich kenne es nicht nur im beruflichen Umfeld, sondern auch aus meiner Herkunftsfamilie. Ich wollte meinen Platz finden.

Wie hast du als “Urgewalt” deinen Platz gefunden?

Ich erlebe es überall. Du kannst in deiner Energie sein. Doch so lange du nicht in einem Feld bist, wo du gut hin passt, kommst du dir vor wie so ein Dum-Dum-Geschoss. (Anmerkung *Dum-Dum-Geschosse fügen dem Getroffenen schwerste Verletzungen zu und sind im Kriegseinsatz verboten  Quelle).

Deshalb war ich auf der Suche nach „meinem Feld“ – einem Raum, der meinem Sein entspricht. In dem alles leichter wird.

Dabei hast du mir mit deinem strukturierten Auseinanderdröseln meiner eigenen und fremder Kommunikationsmuster sehr geholfen. Du wolltest immer wieder wissen: Was steckt dahinter? Woran ich immer denke ist der Polarstern.

Der Polarstern leuchtet den Weg

Polarstern vor nachtblauem Himmel Orientierung im Konflikt

 

Mit dieser Frage: „Wo willst du wirklich hin?“ gelingt es mir, gerade in heißen Diskussionen über das eigentliche Problem hinweg zu blicken.

Ich kann mich auf mein eigentliches Ziel zu fokussieren, und so den anderen abholen: „Schau, wir beißen uns jetzt nicht hier in dem Moment fest. Wir wollen doch eigentlich genau dort hin.“

Inzwischen führe ich Gespräche mit klaren Ich-Botschaften: „Du, das kommt bei mir so nicht an!“ Wenn der Gegenüber dann sagt „Naja, das war ja auch für mich gemeint.“, kann ich ganz ruhig erwidern: „Du, dann darf das auch bei dir bleiben!

Wir haben ganz konkrete Gesprächssituationen am Online-Whiteboard auseinander gedröselt. Dadurch bin ich viel klarer geworden.

Einen Schritt zurücktreten, den ganzen Kommunikations-Wust nüchtern anschauen, und das Geschehen aus einer neutralen Position betrachten, das hat mir so geholfen. Ich habe entdeckt: „Ach, so kann ich das auch sagen.“

Ich habe heute den Mut, zu mir zu stehen.

Zum Mut gehört die Fähigkeit, zu mir zu stehen

Unser Auftrag war: „Gelassen zu mir stehen, und dem, was mir wichtig ist.“ Wie erlebst du das heute? Wie erleben es andere, wenn du klar zu dir stehst?

Ein paar Schlüsselmomente:

Eine meine ersten Kundinnen buchte mich als Urlaubsvertretung. Ich war so happy und dankbar, zu Beginn meiner Selbständigkeit Aufträge bekommen zu haben. Die Zusammenarbeit erwies sich für mich als nicht sehr erfüllend. Für sie schon. Sie hätte mich gern weiterbeschäftigt. Trotzdem habe ich ihr in einer freundlichen Mail die Zusammenarbeit aufgekündigt. In mir war dieses klare „Nein, so möchte ich keine Zusammenarbeit haben“.

Als Existenzgründerin in den ersten Monaten einer Kundin zu kündigen? Volles Risiko und Mut, zu sich zu stehen? Ja, das war definitiv die richtige Entscheidung. Einige Wochen später war ich komplett ausgebucht mit meinen absoluten Herzenskunden.

Auch im privaten Bereich gab es Momente, in denen ich früher um des lieben Friedens willen eingeknickt wäre. Es fällt mir um einiges leichter, freundlich eine Grenze zu ziehen und „Nein“ zu sagen und dann das folgende Unbehagen auszuhalten.

“Bis hier her und nicht weiter”, heißt Energie kontrollieren. Nie mehr unterdrücken

Diese unkontrollierte Energie – weswegen ich zu dir gekommen bin, um zu lernen, sie zu kontrollieren – heute unterdrücke ich sie nicht mehr. Jetzt sage ich: „Bis hierher, und nicht weiter!“  Damit lasse ich sie raus, und sie verwandelt sich in etwas, das beiden Seiten nutzt.

“Was raus muss, muss raus” – der Schlüssel dazu: der richtige Ton

Ja, ich arbeite noch ein bisschen am Feinschliff meiner Tonlage. Doch es ist erst mal raus: „Okay, Freund, das war jetzt meine Meinung. Über das WIE können wir noch sprechen. Aber nicht über das, WAS ich dir sagen wollte. Es entspricht meiner Wahrheit, und mit der musst du jetzt umgehen.“

So bin ich mittlerweile unterwegs.

Auch das diplomatische Nein gelingt mir mittlerweile ganz gut. Ich wusste gar nicht, in wie vielen Varianten ich „Nein“ sagen kann. Und dass ich das immer wieder sagen darf. Heute klappt das ganz entspannt mit „Ja, muss ich, kann ich, will ich aber nicht.“ Ist Übungssache.

[Du willst auch leichter Nein sagen? TIPP: Starte mit einem Selbstcheck für dich.]

Der richtige Impuls bewegt das ganze System

Es scheint, als wäre das ganze System durch deine Veränderung in eine neue Qualität gewachsen.

In der Familie war es die ältere Schwester, die früher von sich sagte, sie sei ja „nur“ ein Mädchen. Der jüngere Bruder war viele Jahre der Chef im Ring… Und jetzt dieser winzige Impuls damit zu experimentieren, was passiert, wenn ich dieses „nur“ aus meinem Wortschatz streiche.

Dadurch hat sich tatsächlich viel geändert. Die alten Rollen sind nicht mehr so zementiert. Ich bin tatsächlich wieder die Erstgeborene. Klar hat er komisch geguckt, als ich ihn meinen „kleinen“ Bruder nannte. Er ist schließlich einen Kopf größer als ich. Doch ich habe meinen Platz als die Ältere im Familiensystem wieder eingenommen und die alte Rollenzuschreibung „Mädchen sind still und dienen“ abgestreift.

Gleichzeitig habe ich meine Grenzen neu definiert. Das merkt meine ganze Familie.

Deine beruflichen Veränderungen: 2022 warst du angestellte Assistentin der Geschäftsleitung. Heute 2024 bist du selbständig als Virtuelle Assistentin. Erzähl von deinem Weg.

“Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füsse”

Im Februar 2024 war mein Startschuss als Selbständige. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich tatsächlich schon meine erste Kundin. Im April war ich ausgebucht. Im Mai habe ich eine Kundin gekündigt, weil wir nicht zusammenpassten. Im Oktober meine erste Mitarbeiterin auf Minijob-Basis eingestellt.

Irgendwann dachte ich: „Ja, wenn man seinen Weg geht…“. Das erinnerte mich an den Spruch von Martin Walser.

Der Mut, diesen Satz wahrwerden zu lassen; das war die größte Hürde. In dieses Vertrauen zu gehen, dass wenn ich jetzt losmarschiere, sich der Rest ergibt.

Gratulation. Seit 2022 sind erst zwei Jahre vergangen. Das ist rasant.

Das erste halbe Jahr der Transformation war nicht ganz so einfach. 2023 war ich lange krankgeschrieben. Ich musste erst einmal raus aus dem Alten, zur Ruhe kommen, die Dinge tun, die mir guttaten. Das klingt leichter, als es war. Ich war so erschöpft. Einkaufen war schon Königsdisziplin.

Dankbar für die Zeit, die ich mir geschenkt habe

Ich bin mir selbst dankbar, dass ich mir diese Zeit gelassen habe. Meinem Umfeld bin ich dankbar, dass sie mir keinen Druck gemacht haben. Jeder hat irgendwie gespürt: „Die geht jetzt ihren Weg und den lassen wir sie so gehen, wie sie möchte.“

Als ich das erste Mal bei der Agentur für Arbeit war, hatte ich eine tolle Sachbearbeiterin. Ich habe über den Gutschein das Gründungscoaching machen können. Und der Antrag auf Gründungszuschuss war erfolgreich. Ohne den hätte ich nicht in die Selbstständigkeit gehen können. Alleinerziehend mit Kind wäre das finanziell nicht möglich gewesen.

Dankbarkeit als Lebensgefühl

Dieser Rückenwind war eine mega Unterstützung. Mit dieser Freiheit kam eins zum anderen. Die erste Kundin, die zweite Kundin. Der Lebenspartner der ersten Kundin mitsamt Firma. Da bin ich jetzt Head of Finance. Die sind alle Anfang 30, ich bin echt die „Seniorin“ unter ihnen. Aber das ist so ein so herzliches Miteinander.

Das sind Momente, in denen ich immer wieder denke: „Boah, Dankbarkeit das trifft’s“. Dieses Gefühl ist mir immer präsent.

Silke, welchen Tipp gibst du Frauen, wenn nicht alles so schnell geht, wie man es sich wünscht?

Aushalten. Ja, aushalten.

Aushalten heißt was?

Die Situation aushalten. Dem Druck von außen standhalten.

Wie gelingt dir das?

Vertrauen wagen. Gegen Durststrecken und Enttäuschungen

Nicht in Panik verfallen, immer wieder ins Vertrauen gehen.

Mich erst mal fragen: “Ist der Weg der Richtige?” Und wenn das Gefühl sagt: „Ja, ich will …“, dann dem Weg folgen.

Vertrauen auch für die Momente, in denen ein Kunde anfragt, sich dann aber nicht mehr meldet.

Letzte Woche habe ich mit einem potentiellen Neukunden gesprochen; hatte ein tolles Gefühl dabei. Du denkst dir: „Okay, super, das passt.“ und dann kommt nichts mehr. Nicht mal eine Absage. Das ist enttäuschend, doch ich denke mir dann „Okay, ist so. Ich kann mich anderweitig beschäftigen. An Arbeit mangelt es mir nicht.“

Ganz überraschend ruft mich dann heute Morgen jemand an, der auf der Suche nach einer VA ist.

Ja, das muss du aushalten können, das geht nur mit diesem Vertrauen.

Wissen warum. Und das auch spüren können.

Zum Vertrauen gehört für mich auch zu klären: „Warum mache ich das, was ich tue?“ Das war im letzten Jahr auch so ein Schlüsselmoment für mich. Als ich mir mein „Warum“ klar gemacht habe, sind mir die Tränen gekommen. Es kam so tief aus meinem Inneren.

Verrätst du uns, was dein Warum ist?

Ein freieres Leben.

Also dieses Selbst und Ständig, das habe ich bis jetzt noch keine Sekunde gespürt. Das ist eher dieses „Selbstständig-Ich“. Ich habe die Freiheit und auch die Pflicht, meine Entscheidungen selbst zu treffen.

Und als ich letzte Woche gemerkt habe: „Hey, du stellst jetzt gerade jemanden ein, du bist wieder Chefin“ war das ein klares „Ja“ dazu. Vielleicht sitze ich auch mal zehn Stunden hier. Aber Ja, es ist MEINE Entscheidung. Ich bin nicht mehr von irgend jemandem abhängig.

Jetzt ist dieser Kaktus wieder da, wo er hingehört.

So also fühlt es sich an, wenn es richtig ist. Für mich richtig.

Silke, du hast für deinen Weg gekämpft, ich erinnere mich an eine große innere Hürde im Spätherbst 2022. 

Ich wurde Zeugin, wie du in ein altes Muster zurück gekracht bist. Man hatte dir im Job eine Karotte vor die Nase gehalten. Dein schlauer Körper hatte lange verstanden, dass das nur eine Finte war und rebellierte wieder. Doch du warst wie erstarrt. Da habe ich in meine Filmkiste gegriffen, die ich als StoryCoach gern nutze. Erinnerst du dich?

Oh ja. Du meintest, ich würde mich zum Spielball machen.

Ich dachte, „Okay, als Coach lehnst du dich jetzt ganz schön weit aus dem Fenster.“ Bis zu diesem Zeitpunkt warst du immer neutral geblieben, hast mich die Antworten finden lassen. Das war das erste Mal, dass du deine Meinung so deutlich kundgetan hast. Du hast es auf den Punkt gebracht und deutlich Position bezogen.

Doch genau das hat mir in dem Moment über die Hürde geholfen. Da warst du mein Polarstern, weil du ausgesprochen hast, was ich in diesem ganzen Tohuwabohu nicht mehr sehen konnte.

Dann habe dir erzählt, dass ich die Kündigung eigentlich schon geschrieben hatte.
Von dir kam: „Du hast dich also entschieden?“.

Ja, und es hat sich genau richtig angefühlt. Am dritten Arbeitstag 2023 war dann exakt der richtige Zeitpunkt für mich, zu kündigen. Ich bin gegangen und habe nicht ein einziges Mal zurückgeschaut.

Was gibst du in eine Browser-Zeile ein, um eine Coach wie mich zu finden?

Kommunikationstrainerin.

Weshalb gerade das?

Kommunikation ist der Schlüssel von allem

Weil Kommunikation der Schlüssel von allem ist. Du zeigst das Verborgene, was in der Kommunikation noch stattfindet. Das, was dahintersteckt. Du hast mich gelehrt, hinter die Kulissen zu schauen. Und mir das Werkzeug an die Hand gegeben, das es braucht, um selbständig dahinter gucken zu können.

Wem würdest du empfehlen, mit mir zu arbeiten? Wer sollte es besser lassen?

Also wenn jemand keine direkten, klaren Fragen möchte, nicht durch bisschen Provokation aus der Reserve gelockt werden möchte, wer lieber in seiner Hängematte bleibt, der soll nicht zu dir kommen.

Doch wer durch ganz klare fundierte Analyse der Situation „Was ist vorhanden?“, „Wo möchtest du hin?“ und „Was fehlt noch?“ geführt werden will, der ist bei dir genau richtig.

Dein neues Leben als Selbstständige Virtuelle Assistentin. Auf deiner Webseite steht: „Vertrauen, Abgeben, Freiräume schaffen.Was bedeutet das für dein Leben als Dienstleisterin? Was für die Menschen, mit denen du arbeitest?

Eine Kundin hat mir geschrieben, sie hätte seit ihrer Zusammenarbeit mit mir 6.000 Euro mehr Umsatz. Weil ich ihr das genau das abnehme, was sie so ungern macht und sie sich dafür auf ihre Kernkompetenz konzentrieren kann.

Also jede macht das, was sie am besten kann. Dann ist jede in ihrer Energie. Statt sich z.B. mit dem Steuerberater herumzuärgern, konzentriert sie sich auf ihre Stärken. Ich bekomme eine kurze Info und ich kümmere mich. Neulich sagte sie zu mir: „Wenn man dir etwas gibt, dann weiß man, dass es zu 120% erledigt ist. Und zwar in meinem Sinn.“ Sie meinte, es sein ein absoluter Geniestreich gewesen, mich zu engagieren.

Silke kümmert sich! Brauchst du auch eine Silke?

Eine andere Kundin hat zum ersten Mal wieder zwei Wochen wirklich Urlaub mit ihrer Familie machen können, weil sie genau wusste, das läuft daheim. „Silke kümmert sich“ – genau dieses Feedback kommt oft.

Das Schärfste war eine Anfrage über Linkedin: „Ich habe die Empfehlung von X bekommen, die meinte, ich brauche jetzt auch eine Silke“. 😊

Deshalb Danke Katrin für

  • dein Mut machen,
  • dein hinter-dem Ofen hervorziehen,
  • dein Wachrütteln.

Ohne dich wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

StoryCoaching schenkt die Fähigkeit, mit den eigenen Flügeln zu fliegen

Hast du dir 2022 vorstellen können, dich so schnell selbstständig zu machen?

Nein. Nein, nicht wirklich. Aber es war genau der richtige Zeitpunkt.

Klar, im Rückblick denke ich, hätte ich es vielleicht drei, vier Jahre früher machen können… Aber alles hat seine Zeit. Als würde eine Raupe, die sich im Kokon verpuppt hat, und eigentlich längst reif zum Schlüpfen ist, noch auf den richtigen Zeitpunkt warten.

Du hast gesehen, was schon da war, hast mir Auftrieb gegeben und geholfen, Vertrauen zu finden. Vertrauen in die Fähigkeit meiner eigenen Flügel zu fliegen.

Das strukturierte Ergründen, was ich mit Kommunikation erreichen kann, hilft mir noch heute, schwierige Gespräche zu führen. Denn die hat man als Virtuelle Assistentin häufiger. Im Auftrag seines Kunden unterwegs zu sein, heißt nicht immer eitel Sonnenschein.

Hat ein Kunde einen Steuerberater, mit dem ich zu tun habe, dann kann es sein, dass der Steuerberater und ich niemals beste Freunde werden. Doch das müssen wir auch nicht. Ich kann

  • ihn dort stehen lassen, wo er ist,
  • eine Kommunikationsebene anpeilen, die uns beiden dient.
  • in Mails emotionale Spitzen überlesen, mit denen ich gar nicht gemeint bin.
  • unterscheiden, ob da auf der anderen Seite alter Groll ist, der nichts mit mir zu tun hat. Wenn es nötig ist, spreche ich das ganz klar an.

Ich darf, wenn es nicht respektvoll läuft, den Kunden auch abgeben. Neulich fragte mich jemand: „Ja willst du mir drohen?“
Nein, das will ich nicht. Doch es gibt Dinge, die will, die brauche ich nicht mehr. Mit alten Geschichten, die mir nichts bringen, bin ich durch.

Genau das bedeutet für mich Freiheit. Gelassen zu dem stehen, was mir wichtig ist. Persönliche Grenzen setzen und wahren.

Deshalb ist Kommunikation mein Schlüssel zur Freiheit.

Du willst mehr Interviews aus dieser Reihe? Lies:

Teil  1: StoryCoaching gibt Sicherheit (Rose-Marie)

 

 

Fotocredit: Susanne Ganter

So sterben wir. Fakten und Geschichten – GoodRead Nr. 3

MyGoodReads: – 6 Bücher – 6 Wochen – 6 Blickwinkel- mein Sommerexperiment, um zu zeigen, welche Geschichten hinter StoryCoaching stecken. Herzliche Einladung zum Dialog, wenn du die Dinge ähnlich oder ganz anders siehst.

August in Hamburg. Kurz vor Mitternacht. Drinnen tobt die Party. Draußen sprechen N. und ich nun schon zwei Stunden. Die Nachtkühle ignorieren wir. N. liegt mir am Herzen. Und sie hat Krebs. Aktuell haben sie ihn im Griff. Phantastisch, welche Möglichkeiten moderne Medizin heute hat. Trotzdem, gesund ist sie nicht mehr.

Für N. kommen die Fragen. Das Leben will es jetzt wissen: Was kommt am Ende? Und was in der Zeit davor?

Sterben? Passiert mir nicht.

So gern würden wir glauben „Es trifft ja immer nur die anderen“.
Irrtum. Auch unser Ablaufdatum steht fest. Wir kennen es nur noch nicht.

So sterben wir

Roland Schulz

Im letzten Jahr habe ich behutsam begonnen, mir eine neue Haltung dazu zu erobern. Ein Einblick: “Wie kann Abschied fröhlich sein” – Interview mit einer Bestatterin.

Damals ist mir Roland Schulz Buch als fordernder Wegbegleiter zum ersten Mal begegnet. Lass es mich dir heute ans Herz legen.

Der moderne Mensch denkt über den Tod wie über den Weltraum: Er existiert zweifelsohne irgendwo da draußen – aber im tiefsten Herzen sind wir sicher, niemals durch seine Dunkelheit zu wandeln.“ (Schulz, Seite 18)

 

Wozu ich es lese.

Es werden viele Geschichten über das Sterben erzählt. Keine/r weiß, welche wahr sind. Dabei wünschen wir uns doch alle ein gutes Ende. Vielleicht sollten wir dann beginnen, uns für diese Geschichten zu interessieren. Um zu verstehen, was in unserer Macht liegt und was nicht.

Damit ich N. besser zuhören kann. Und einfach da sein.

Worum geht’s? Schlaglichter.

Die krumme Kraft der Kommunikation. Den Unfug, den Gesunde plappern, wenn wir nicht wissen, wie wir mit Krankheit und Tod natürlich umgehen können.

Wie sich Sterben anfühlt und wann es beginnt.

Dass Trauer mitten im Leben erlaubt ist. Auch die um dich selbst. (Dazu habe ich hier schon mal geschrieben)

Der knifflige Papierkram, der Fragen ans Leben aufwirft.

Sterben ist hart, Sterben schmerzt. Die Möglichkeiten der Palliativmedizin, und warum wir danach fragen müssen.

Der Papierkram beim Sterben

Wenn du gestorben bist, wird der Papierkram auch nicht weniger. Die gute Nachricht: der geht dich dann nichts mehr an. Doch ist die Bürokratie nach dem Tod beeindruckend. Eine Maschinerie, die sich beeinflussen lässt, wenn man weiß wie.

Roland Schulz hat für sein Buch mit Fachleuten gesprochen, die beim Sterben dabei sind, und die übernehmen, wenn dein Ende noch nicht das Ende ist: Hospiz- und Krankenhauspersonal, Bestatter, Menschen in Krematorien, einem Thanatopraktiker, Bestatter*innen, Verwaltungsbeamten, einem Trauerbegleiter.

Fun-Fact: Nicht nur wir glauben, dass Verdrängen uns beim Überleben hilft. Stellt Schulz den Profis die Frage nach den persönlichen Vorkehrungen für den eigenen Tod, haben sie oft genau so wenig getan, wie die meisten von uns. Auch Spezialist*innen für Sterben schieben es gern vor sich her, ihren Kram zu regeln. Wie menschlich.

Was es in mir auslöst.

  • Ein tiefes Gefühl von Verbundenheit durch die Gewissheit: diesen Weg gehen wir alle.
  • Frieden im Blick auf das Ende. Und die Bereitschaft, das Sprechen dem Schweigen vorzuziehen.
  • Lebensfreude, als tiefe Fähigkeit, mich an allem zu erfreuen, was jetzt ist.

Ich empfehle das Buch:

Mutigen Menschen, die sich ehrlich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen wollen, und dabei mehr Lust auf Klartext, als auf gute Ratschläge oder psychologischen Samthandschuhe haben.

Jedem und jeder, der/die sich ihrem Unbehagen oder ihrer Angst vor dem Unbekannten stellen wollen und nach einem guten Anfang suchen.

Dir, liebe N.

Leben ist jetzt

Das Leben ist jetzt.

Schönheit, Vergänglichkeit, Erneuerung: all das steckt in einem einzelnen Moment.

Die Kirschblüten an der Hamburger Alster sind dafür gerade ein eindringliches Symbol. Ende März: die Knospen platzen fast. Die Ahnung, bald geht es los mit der rosafarbenen Pracht. Doch die Tage bleiben gefühlt endlos nass und kalt. Sogar Frost haben wir nachts. Dann endlich – zwischen blassem Rosé und knalligem Pink explodiert Schönheit vor Grauhimmelkulisse, verspricht Frühling und Erneuerung.

Wenn…, ja wenn nur nicht der Regen alles wieder zunichtemacht.

Jahrelang habe ich gebangt: Wie lange hält die empfindliche Pracht?

Doch Leben ist jetzt.

Heute habe ich verstanden: Sorgen sind sinnlos. Denn ob ich mich sorge oder nicht, der Regen kommt sowieso. Das lässt mich den Moment – mein persönliches Hanami – das Blüten betrachten, viel intensiver genießen.

Ich denke an Doris Dörries Film Hanami von 2008. Sie beschreibt darin nicht nur die Schönheit der Bäume. Sie erzählt die Geschichte von Rudi, der – unheilbar erkrankt – nach dem unerwarteten Tod seiner Frau an ihren Sehnsuchtsort Japan reist, um ihr versäumtes Leben nachzuholen. Mich hat schon damals der Versuch, Vergebliches dennoch zu versuchen, sehr berührt.

Doch Leben lässt sich nicht nachholen, es ist immer jetzt und hier.

Halte einen Augenblick inne in dem was du gerade tust, ganz gleich wo du gerade bist: am Schreibtisch, im Meeting, im Bus, im Wartezimmer.

Atme aus und finde deine Antworten zu:

Schönheit: Was entdecke ich gerade Schönes um mich herum?

  • Menschen, ihren Blick, ihre Gesten?
  • Dinge, ihre Farben oder Formen?
  • Die Sounds der Stadt oder Natur?
  • Mich selbst im Spiegelbild einer Schaufensterscheibe?

Vergänglichkeit:

  • Was wird es nur heute für mich geben?
  • Was macht diesen Augenblick kostbar, weil er sich niemals (oder erst im nächsten Frühjahr) wiederholen wird?
  • Was genieße ich deshalb jetzt mit allen Sinnen, und sei es nur ein paar Sekunden lang?

Erneuerung: Wohin bin ich unterwegs? Wohin soll mein nächster Schritt mich führen?

  • Jetzt gerade oder in den nächsten Stunden oder Tagen: ein wichtiger Termin, eine entscheidende Verhandlung, die Kita, der Einkauf, ein Krankenbett?
  • Mit weitem Blick: in diesem Jahr, in meinem Job, meinem Leben? Ist das gerade wirklich mein Weg? Wie kann ich mutig neu beginnen?

Bei aller Eile, mit der wir oft durchs Leben rennen:

Es lohnt sich, hin und wieder bewusst den Moment zu betrachten.

Jeder Augenblick ist wie eine Kirschblüte im April. Denn unser Leben ist jetzt. In diesem Moment.

Leben ist jetzt. Genieße den Moment, jeden Augenblick deiner eigenen LifeStory. Katrin Klemm StoryCoaching

Das nächste Hamburger Kirschblütenfest ist am 19. Mai 2023. Sehen wir uns zum Feuerwerk an der Alster?

Oder – wenn du nicht mehr warten und dein Leben in die eigenen Hände nehmen willst, die nächste Hamburger Design your LifeStory startet bereits am 10. Mai.

Denn dein Leben ist jetzt. Und alles Neue beginnt in diesem Moment. Worauf wartest du noch?

Lass uns miteinander sprechen.

 

Alte Stories neu erzählt: Abschied

Wie kann Abschied fröhlich sein?

Lange habe ich nicht mehr so von Herzen gelacht wie bei meiner Weiterbildung im Lotsenhaus Hamburg . Das Thema: „Abschied und Bestattung“. Ein Thema, bei dem vielen das Lachen im Halse stecken bleibt.

Mit Julia Kreuch ist das ganz anders. Ihr kerniges Lachen ist ansteckend. Sie macht Tote schön und sagt über sich „Ich bin genau da, wo ich sein will“. Wenn sie uns zeigt, was alles möglich ist auf der letzten Reise, dann gehört der Tod ganz natürlich zum Leben.

Julia ist Bestatterin.

Das war sie nicht immer.

Wir unterhalten uns über:

  • ihre Arbeit und den Weg dorthin.
  • das was sie jeden Tag für Menschen tun kann, die Lebenden und die Toten
  • Abgrenzung im Job als Naturtalent
  • bezahlbare Abschiede
  • die alte Geschichte mit der Pietät „So was fragt man doch nicht“

Julia, ich habe das Gefühl, dein Lachen spiegelt deine Art, mit Abschied und mit den Lebenden humorvoll umzugehen. Dadurch nimmst du dem Tod ein Stück den Schrecken. Doch verlangt man von einer Bestatterin nicht eine seriöse Ernsthaftigkeit? Wie passt das mit deiner Lebenslust und deinem Humor zusammen?

Zuerst mal Nein, es ist gar kein trauriger Job. Er ist ganz, ganz wundervoll. Für mich ist das wirklich der schönste Beruf der Welt: Ich bin ein Menschenfreund und habe hier ganz viel mit Menschen zu tun. Ja, die Menschen sind traurig. Aber ich bin ja nicht diejenige, die das Leid geschaffen hat. Weder kreiere ich Krebs, noch fahre ich mit dem Auto irgendjemand tot, noch bringe ich Menschen auf andere Weise um.
Ich helfe einfach, wenn der Trauerfall eingetreten ist.

Abschied ist wichtig

Im Lotsenhaus ist uns das Abschiednehmen sehr wichtig, und wir können das richtig gut. Wir können Abschied sehr fröhlich gestalten. Fröhlich ist vielleicht das falsche Wort, aber man kann es so gestalten, dass es zu dem Verstorbenen passt.

Streichholz im Sarg - Storytelling

Was gehört alles zu dieser Gestaltung des Abschieds? Wie stelle ich mir den Job der Bestatterin vor? Wo fängt er an? Wo hört er auf?

Der fängt ganz klassisch mit dem Anruf an: eine Person ist verstorben. Unsere ersten Fragen sind dann: Wo ist sie verstorben und war der Arzt schon da? Wie schnell können wir diese Person überführen?
Das heißt, Überführungen gehören bei uns dazu, und am liebsten holen wir die Verstorbenen tatsächlich ins Lotsenhaus. Hier können wir sie waschen, ankleiden und jetzt kommt der wichtige Part für den Abschied.

Den Tod gestalten und begreifen

Gestalten und begreifen, das heißt Abschied von Anfang an. Wir sind der Meinung, dass man den Tod besser versteht, wenn man den Verstorbenen noch mal gesehen hat, sich verabschiedet hat. Das ist für uns super super wichtig.

Ich bin jetzt bald zwei Jahre hier. In zwei Jahren hatten wir nur ein einziges Mal die Situation, wo wir davon abraten mussten, weil wir den Sterbenden nicht mehr zeigen konnten. Ansonsten kann man die Hand zeigen, man kann den Fuß zeigen, man kann irgendwas zeigen. Die/ der Angehörige hat die Chance, sich zu verabschieden. Damit begreifen wir den Tod als eine neue Stufe, der ja auch in meinem eigenen Leben eine große Veränderung hervorruft.

Die eigene Geschichte neu schreiben

Große Veränderungen. Da sind wir mitten in deiner persönlichen Geschichte. Du bist noch nicht so lange Bestatterin. Bevor du vor zwei Jahren als Minijobberin im Lotsenhaus angefangen hast, warst du Partner-Managerin bei Xing. Welche Ähnlichkeiten haben die Aufgaben? Worin unterscheiden sie sich?

Ja, es gibt Überschneidungen. Beide Jobs haben mit Menschen zu tun. Auch wenn das bei Xing natürlich Business-to-Business war, das waren ja keine Maschinen mit denen ich zu tun hatte.

Was ich schon immer gemacht habe, war Social Selling. Ich kenne all die ganzen Vertriebsmethoden theoretisch und praktisch. Doch ich habe es immer in meiner Art gemacht. Im Partner-Management ist das ein Geben und Nehmen, man hilft sich gegenseitig.

Als Bestatterin helfe ich Menschen in ihrem ganz persönlichen Leben. Für eine ganz kurze Zeit bin ich Teil ihres Privatlebens. Und das hat bei meinem Gegenüber nichts mit dem Beruf zu tun.

Abschied: ein ganz persönlicher Job

Ich greife wirklich ins Privatleben ein und bin für eine Weile ein Teil davon. Das ist der riesige Unterschied. In den Wochen nach dem Tod gebe ich den Angehörigen Hausaufgaben, sage ihnen, was sie zu tun haben, wie wir die Trauerfeier gestalten, und dann entlasse ich sie wieder. Aber erst mal bin ich da ganz schön tief drin.

Ich stelle es mir nicht leicht vor, sich da abzugrenzen. So wie ich als Coach bist du ein MenschenMensch. Wir mögen Menschen und sind sehr empathisch. Wie bekommst du es hin, dich abzugrenzen zu den Menschen, die dir ihre Verstorbenen anvertraut haben; die dann aber in ihr Leben weitergehen.

Grenzen sind nötig. Oder nicht?

Hm, ich habe das einfach. Ich glaube, nur deswegen kann ich diesen Job machen. Das habe ich nicht gelernt, oder so. Im Praktikum hatte ich schon die Sorge: „Kommen jetzt die Verstorbenen zu mir nachts ins Bett, nehme ich das mit?“ Doch ich habe relativ schnell gemerkt, dass sie nicht kommen.

Natürlich, über manche Familie, manche Fälle, über die denke ich vielleicht länger nach. Länger kann für mich aber auch schon eine halbe Stunde bedeuten. Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit hin und zurück, und in dieser halben Stunde entsteht Abstand. Wenn ich zu Hause ankomme, ist es dann meistens schon Vergangenheit. Da gibt es für mich keine Methode. Ich kann das einfach. Es ist ein Naturtalent.

Alte Geschichten renovieren

Als StoryCoach weiß ich, dass wir Menschen uns Geschichten erzählen, um die Welt besser zu verstehen. Da sind auch eine Menge alte Geschichten dabei, die uns am Leben hindern und dringend renovierungsbedürftig sind.

Falsche Bilder - alte Stories vom Abschied

Als ich begonnen habe, mich mit Abschied und Trauer zu beschäftigen [So fing es an] , hatte ich auch solche alten Geschichten im Kopf. Die eine, dass Bestatter vergrämte, verhutzelte alte Männer sind, die mit ihren Bestattungsinstituten grundsätzlich die Familien der Verstorbenen abzocken. Ist ja schließlich ein lukratives Geschäft. Bei anderen ging es um Pietätlosigkeit, das Wort habe ich von meiner Großmutter gelernt. Es heißt mich „So was fragt man nicht!“.

Welche alten Geschichten begegnen dir im Alltag rund um den Abschied? Welche sollten dringend korrigiert werden?

Ich merke tatsächlich oft, dass unsere Angehörigen irritiert sind, weil wir im Lotsenhaus drei Frauen sind. Denn diese mittelalten, grauhaarigen, kurzärmlige Hemden tragenden Bestatter, die sind schon noch allgegenwärtig. Das sehe ich auf Friedhöfen.

Lebe ich in meiner alternativen Bestatter Blase? Ja schon.

Doch wenn ich mich mit anderen Bestattern austausche, höre ich immer wieder gruselige Geschichten. Von Menschen, die abgezockt werden, von viel zu teuren Särgen, die für eine Einäscherung verkauft werden.

Was mir nachhaltig hängengeblieben ist: Viele Angehörige bekommen von Mitarbeitern der Bestatter gesagt, sie sollen ihre Verstorbenen nicht mehr angucken und sich nicht verabschieden. Na ja, warum machen das viele Bestatter? Weil sie keinen Bock haben, die Verstorbenen zu versorgen. Das finde ich schon übel.
Ist das immer der Grund? Nicht immer, vielleicht hatte sich der Mensch schon zu sehr verändert. Sie sind ja im Tod so unterschiedlich wie im Leben. Die Medikamente, die Chemo, wann ein Mensch gefunden wird, der einsam gestorben ist – da kann es sein, dass es wirklich nicht geht. Aber immer, wenn ich höre, dass man sich nicht verabschieden soll, gehen bei mir die Alarmglocken an. Machen das alle? Nein, aber das begegnet mir schon oft.

Was das Abzocken angeht, wir gehen ganz transparent mit den Preisen um. Wir haben eine Preisliste, da wird nichts gewürfelt nach dem Motto: „Für die Familie kostet der Sarg so viel. Für die andere Familie, die viel reicher aussieht, kostet der mehr.“ Im Erstgespräch sprechen wir über diese Preisliste, denn wir brauchen Handlungsvollmachten. Aber wir schreiben auch ein Angebot und betrachten das als lebendes Dokument.

 Transparenz gibt Sicherheit

Gleich zu Beginn zeigen wir den Angehörigen transparent, was auf sie zukommt. Wenn wir dann im Prozess beginnen: „Welches Catering nehmen wir, welche Blumen?“, da kann sich noch viel ändern. Nicht immer wird’s teurer. Oft wird es günstiger, weil wir uns für andere Sachen entscheiden. Wenn wir mit der Familie zum Beispiel den Abschied privat in der Gartenlaube der Oma machen, weil sich die Familie das so wünscht.

Aber da sind wir schon bei dieser Pietät. Ja, Angehörige fragen nicht nach der Gartenlaube. Aber ich bin ja nicht doof. Gerade wenn ein Mensch überraschend verstirbt, dann muss die Familie auf einmal 10.000 Euro irgendwo herhaben. Da kann man doch nachfragen. Gibt es eine Sterbegeld-Versicherung? Sollen wir die Rechnung splitten? Sollen wir sie später stellen? Ich möchte, dass sie sich darüber keine Sorgen machen müssen.
Wir finden heraus, wie wir einen Abschied oder eine Feier gestalten können, auch wenn nicht so viel Geld vorhanden ist. Dann ist es eben in dem Schrebergarten oder was auch immer.

Worüber reden wir weniger gern übers Geld oder über Tod?

Da haben wir gleich zwei Tabu-Themen, über die wir Deutschen nicht so gern sprechen. Geld und Tod. Wenn wir nicht darüber sprechen, können wir so tun, als ginge es uns alles nichts an.

Neue Geschichten über die letzte Reise

Welche alten Geschichten über Tod und Abschied sollten wir außerdem neu schreiben?

Ich sage all meinen Familien, gerade bei einer Trauerfeier, dass wir beim Abschied doch das Leben des Verstorbenen feiern. Wir feiern, wie lange er Teil in der Familie, im Freundeskreis, im Kollegenkreis war, was man alles erlebt hat und nicht, dass er jetzt tot ist. Natürlich sind wir traurig, aber es sollte doch die Dankbarkeit, die Freude überwiegen, wie lange man/sie ihn im besten Fall hatte.

Das habe ich für mich selbst schon sehr früh entdeckt. Ich war Anfang 30 als mein Opa gestorben ist. Natürlich war ich traurig, aber ich war so dankbar. Wer hat denn bis Anfang 30 seinen Opa? Er war Tierarzt, er hat mir das Reiten beigebracht und noch so viel mehr. Ich war Anfang 30 und kein Kind vom fünf Jahren. Was für ein Glück hatte ich da. Jetzt ist er tot. Das ist traurig, doch er war einfach alt. Diese Dankbarkeit und diese Freude, dass man jemanden lange hatte, das wichtig.

Jeden Tag neu entscheiden

Unser Leben ist ja ein Kreislauf aus Entscheidungen und Entwicklungen. Du scheinst in beiden richtig gut zu sein. So wie zu der Zeit in der du Abschied von deinem Managerinnen-Job genommen hast. Wie kam das? Gab es einen Moment, wo du gesagt hast: Jetzt muss ich aufbrechen, jetzt will ich was anderes? Das was ich jetzt mache, das ist es nicht?

Gab es den richtigen Moment? Na ja, ich musste mich ja irgendwann entscheiden. Ich hatte schon länger drüber nachgedacht. Hinweis: Darüber wie alles anfing und was Julia in ihrem Leben als „Nomaden Kind“ vorher alles erlebt hat spricht sie in einem ausführlichen NDR Interview .

Zuerst hatte ich ein Praktikum, dann den Minijob neben XING. Das zwei Jahre lang parallel, das war anstrengend. Das hätte ich nicht mehr lange durchhalten können. Da habe ich mir gedacht: Was soll mir denn passieren? Im schlimmsten Fall gehe ich zurück zu Xing. Wenn nicht dorthin, dann gehe ich zur LinkedIn oder Pinterest oder wie sie alle heißen. Mit einem Einstieg in den Job klappt das im Vertrieb immer wieder, denn das wollen nicht allzu viele Menschen machen.

Manchmal muss man einfach ausprobieren

Man muss doch Dinge zwischendurch mal ausprobieren. Was soll denn passieren? Also vielleicht habe ich da auch meine Luftschlösser gebaut. Wie es sich entwickeln wird? Ich kann es jetzt noch nicht wissen und selbst wenn, dann wird es doch wieder anders, als geplant.
Aber ich möchte nicht an meinem eigenen Grab stehen und denken „Ach hätte ich mal! Warum habe ich bloß nicht?“ Dann fliege ich lieber mal auf die Schnauze.

Man muss das Leben nicht so verbissen sehen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich nicht als Karrierefrau sehe. Das war ich nie. Ich habe auch bei Xing mein Team geliebt, meinen Job geliebt. Aber ich wollte da nicht unbedingt Geschäftsführerin werden. Ich bin zufrieden. Mir ist auch mein Privatleben wichtig. Ich reise super gern. Ich will meine Freunde sehen, ich will hier in Hamburg was erleben. Und das kann ich nicht, wenn ich von morgens um sechs bis abends um elf arbeite.

Sich auf das Leben einlassen

Ich glaube, wir sollten echt einfach mutig sein und Dinge ausprobieren. Klar könnte jetzt auch jemand sagen: „Du hast keine Kinder, hast keine Familie!“. Aber trotzdem habe ich ja einen Partner und eine Eigenverantwortung. Aber wir sollten alle immer mal ein bisschen mutiger sein und Dinge ausprobieren.

Sich aufs Leben einlassen. Das ist ein Tipp an alle Frauen, die spüren: Ich bin nicht mehr am richtigen Platz, ich fühle das. Doch aus Sicherheitsgründen bleibe ich lieber da.

Julia, neben deiner Neugier aufs Leben, deiner Lebensfreude, deiner Risikobereitschaft sehe ich bei dir auch diese Fähigkeit, sich aufs Leben einzulassen. So eine wunderbare Gabe. Und das perfekte Schlusswort.

Vielen, vielen, vielen Dank für dieses intensive Interview.

Eine allerletzte Frage noch:
Für Menschen, die sich langsam an das Tod und Abschied herantasten wollen, welche Bücher empfiehlst du für den Einstieg?

  • Eric Wrede, der Bestatter von Lebensnah: The End
  • Roland Schulz: So sterben wir . Das ist schon ein bisschen harte Kost, keine bequeme Lektüre.
  • Caitlin Doughty: Wo die Toten tanzen – Wie rund um die Welt gestorben und getrauert wird. Sie ist als Bestatterin um die Welt gereist und hat sich verschiedene Arten des Abschieds angeschaut.