Yvonne Jacob – Team Coach, Wirtschaftspsychologin, Fan von Productivity-Tools. 2020 haben wir uns mit Design Your LifeStory auf unsere gemeinsame Reise gemacht. Kennengelernt haben wir uns an einem ungewöhnlichen Ort…
Kannst du dich erinnern, wie wir uns kennengelernt haben?
Auf jede Antwort eine neue Frage
An das Jahr kann ich mich nicht mehr erinnern. An den Ort noch ganz genau. Es war der Rücksitz eines Autos auf der Fahrt von der WomenPower Messe Hannover zurück nach Hamburg. Ich hatte schon einiges von dir gehört und war gespannt auf die „berühmte“ 😉 Katrin.
Du hast uns während der Fahrt mit Ideen versorgt, wie wir Frauen in unserem Netzwerk stärker einbeziehen können. Wie wir sie dazu bewegen, aktiver mitzugestalten, gerade in so einem Vorhaben, in das man freiwillig neben der Arbeitszeit viel Energie reinstecken muss.
Das war pures Netzwerk-Coaching und ich dachte: „Die Frau steht ja wirklich mittendrin. Sie hat auf jede Frage eine Antwort.“ Und besser noch, du hast auch eine neue Frage zu jeder Antwort. Dir gehen die Inspirationen nie aus, weil du immer einlädst: „Guck noch mal tiefer. Schau noch mal ein Stück hinter das, was offensichtlich ist!“
Neue Sicht auf Produktivität gesucht
2020 – du warst noch Angestellte – dein Briefing an mich: „Ich brauche eine neue Sicht darauf, was Produktivität wirklich für mich bedeutet.“ Heute coachst du Teams genau darin, den besten Weg zu finden, gemeinsame Ziele zu erreichen. Was für eine Reise…
Ja, manchmal kann ich es selbst kaum glauben.
Die erste Aufgabe in der LifeStory war, eine Collage zu bauen. Die drei Frauen der Gruppe hatten sich nie zuvor getroffen und es ging darum, rasch Vertrauen aufzubauen. Das war deine Collage.
Ich fand diese Aufgabe so cool. Der Auftrag: „Finde Bilder, die für dich eine Rolle spielen, die dich ausmachen. Doch du darfst nicht drauf zu sehen sein!”
In mich hinein zu spüren: „Was klingelt da bei mir? Was geht in Resonanz?“ Die eigene Collage zusammenzustellen, die der anderen zu betrachten, und dann einzuschätzen, zu welcher Frau im Raum sie gehörte. Es war so krass, wie viel man daraus schon lesen konnte und wie uns das sehr schnell miteinander vertraut gemacht hat.
➡️TIPP: Du willst das für dich selbst ausprobieren? Hier findest du die Anleitung.
Als Versprechen an dich selbst für das LifeStory-Semester hast du formuliert „Wohlwollend zu Wollen, nicht zu Müssen.“ Was hat es damit auf sich?
Dieses Thema ist tatsächlich ein roter Faden in meinem Leben. Früher hieß es fast ausschließlich „Ich muss!“ Doch es ist schon besser geworden. Es entwickelt sich weg vom Müssen, mehr zum Wollen. Das Müssen wird kleiner. Es gibt schon immer noch Imperative. Sobald ich denke, ich muss nicht mehr müssen, läutet eine kleine Alarmglocke in meinem Kopf: „Du musst aber schon!“ Aber dieses Wollen nimmt immer mehr Raum ein. Ich erlaube mir heute viel öfter, auch wohlwollend mit mir zu sein.
Von welchem Punkt aus bist du gestartet?
Mir selbst gerecht werden? Fehlanzeige!
Sagen wir mal, ich stand ziemlich im Nebel. Ich hatte Verantwortung für ein Team. In der Firma änderte sich die Organisationsform immer mal wieder. Aus der klassischen Teamleitungsstruktur wurde eine Matrix mit Chaptern und Tribes. In meiner Tribe-Lead-Verantwortung habe ich mich bemüht, meinem Team und meinen Kunden gerecht zu werden. Mir selbst gerecht zu werden, das fiel immer hinten runter.
Genau deshalb wurde mir klar: „Ich brauche ein anderes Verständnis von Produktivität!“ Ich habe immer versucht, viel zu machen, viel zu schaffen, viel abzuhaken. Doch gleichzeitig begleitete mich das Gefühl: „Ich komme nirgendwo hin. Ich komme nirgendwo weiter.“
Vielleicht passte ich noch nicht einmal richtig rein. Denn ich hatte oft eine andere Perspektive. Ich komme zwar aus der IT, ich bin aber keine klassische IT‘lerin. IT hat mich zwar immer fasziniert. Technik finde ich total spannend. Doch ich bin auch nicht die mit dem CT Abo.
2020 ging mein nebenberufliches Studium der Wirtschaftspsychologie zu Ende. Ausschlaggebend war, dass ich langsam fertig wurde mit meiner Masterarbeit.
Damit stellten sich Fragen:
- Was mache ich jetzt damit?
- Wie setze ich das ein?
- Versuche ich es in meinem aktuellen Job?
- Gehe ich in eine komplett andere Richtung?
Der Wunsch „Genuss ohne Auspowern”
Genau das war die Motivation damals loszugehen. Ich wollte herausfinden, wie es mir gelingen kann, aufregende Zeiten in meinem Leben zu genießen, ohne mich dabei versehentlich auszupowern.
So ganz habe ich das Problem bis heute nicht im Griff. Denn wenn mich etwas wirklich interessiert, dann werde ich sehr davongetragen, und komme in ein kleines High.
Warte, das ist gerade spannend – hast du gesagt, du wirst „davon getragen“ oder „davongetragen“? Fängt es dich auf oder spült es dich weg?
Es ist beides.
Es ist wie eine Welle, die ich aber nicht gut im Griff habe. Natürlich, Wellen hat man nie im Griff. Vielleicht habe ich mir die falsche Welle ausgesucht. Es fühlt sich manchmal an wie zu weit reinzugehen oder über meine Kräfte hinaus gehen.
Da kommt jetzt wieder dieses WOLLEN und MÜSSEN ins Spiel. Es gibt so einen bestimmten Grundstock, den ich einfach zu erledigen habe, wofür ich verantwortlich bin. Das passte dann nicht immer zu meinen Ansprüchen oder vielleicht auch zu meinen Werten.
Ich habe versucht, was draufzusetzen, was mich dann wiederum davonträgt. An manchen Stellen war das dann einfach zu viel. Deswegen hatte ich immer das Gefühl wenn ich was mache, was mich wirklich davonträgt: „Beißt mich das am Ende in den Hintern“?
Dann kam es wie ein Hammer und ich war einfach KO. Das ständige Ausgebremstwerden hat mich sehr genervt. Immer und immer wieder.
Dabei mochtest du deinen Job „ganz gern“, fandest es gut, in einem großen internationalen Unternehmen mit all seinen verworrenen Strukturen und Systemen zu arbeiten. Der Dreh- und Angelpunkt sei dein Rhythmus. Den müsstest du nur synchronisiert bekommen, hast du gesagt.
Das war damals auch so. So ein Konzern ist wie eine eigene Welt. Aber irgendwann kennt man die gut genug und ich wollte wissen, was es sonst noch für Welten gibt und in welchen Rhythmen die schwingen.
Unabhängigkeit erobert ihren Platz zurück
Wie ist das dann eigentlich mit der Selbstständigkeit passiert?
Als wir uns in der LifeStory intensiv mit unseren Werten auseinandergesetzt haben, tauchte – neben Neugier, Inspiration, Kreativität, Ruhe – die Unabhängigkeit wieder auf.
Unabhängigkeit war für mich schon immer sehr wichtig. Doch es gab Zeiten, da hat mein Bedürfnis nach Unabhängigkeit mein Bedürfnis nach Verbindung mit anderen Menschen beeinträchtigt. Ich wollte mir nicht helfen lassen, wollte alles alleine machen. Inzwischen lasse ich mir den Koffer tragen oder die Tür aufhalten. Warum denn nicht?
In unserer Arbeit wurde mir klar, dass es um die Balance geht. Unabhängigkeit ist ein Teil von mir, aber ich muss sie nicht mehr auf 100% hochdrehen. Sie ist mir wichtig, wird mir immer wichtig bleiben. Ich hatte sie eine Weile aus den Augen verloren, doch jetzt ist sie zurück.
Ich brauche einfach viel Zeit für mich
Gleichzeitig ist Ruhe ist immer ein Thema für mich. Ich bin ein introvertierter Mensch, brauche sehr viel Zeit für mich. Wenn ich Dinge wirklich zu regeln habe für mich, dann mache ich das erst mal mit mir aus. Dafür ist Ruhe einfach richtig. Das wird immer so bleiben.
Erstmal einen Schritt zurücktreten
Es gab einen Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich ganz schön ko war. An diesem Punkt kannst du nicht losgehen und Pläne für später machen. Ich musste erstmal einen Schritt zurücktreten.
Zunächst einmal habe ich versucht, im Konzern eine andere Ausdrucksform zu finden. Ich bin vom Operations-Management nicht weg, sondern habe on top noch das Migrationsprojekt eines Kunden gemanagt. Ich dachte, ich brauche mal was mit einem Anfang, einem Ende und einer Mitte, aber vor allem einem Schluss.
Gekündigt. Ohne wirklich zu wissen, was kommt.
Doch es hat sich herausgestellt, dass auch diese Veränderung mir nicht ausreichte. Ich war einfach müde. Ich war kaputt.
Dann habe ich gekündigt, ohne wirklich zu wissen, was danach kommt. Ich dachte: „Ich lege mich einfach mal zwei Monate auf die Couch, dann klärt sich mein Gehirn und dann weiß ich, was ich mache.“
Puh, das finde ich mutig. Viele würden das in der heutigen Zeit nicht wagen.
Na ja, ich weiß nicht, Mut? Mir ist diese Postkarte begegnet mit dem Flemming-Gedicht von den vielen Gründen, alles beim Alten zu lassen. Der einzige, endlich etwas zu verändern: Man hält es einfach nicht mehr aus. (Quelle: Annäherung 2.0. Gedichte)

Und es ging halt nicht mehr weiter. Ich glaube, drin zu bleiben wäre nicht gut ausgegangen für mich. Ich hatte nicht das Gefühl, eine Wahl zu haben. So müde wie ich war, war es egal, was danach passiert. Erst mal raus.
Dann habe ich darauf vertraut, dass sich etwas ergeben wird, wenn ich erst einmal wieder mehr Kraft habe. Na gut, war nicht ganz so einfach mit dem Geistesblitz, wie es denn jetzt weitergehen soll 😉. Ich musste schon überlegen: „Was kann ich denn? Was mache ich denn?“
Wenn du Mut eher skeptisch gegenüberstehst, welcher Anteil in dir ist es, der dich dazu bringt, mit immer wieder neuen Dingen rauszugehen? Dich damit zu zeigen?
Angst vor langweiligen Routinen
Für mich beantwortet Mut eigentlich nur die Frage: „Wovor hast du mehr Angst?“
Größer als die Angst zu scheitern ist die Angst davor, in Routinen zu fallen die mich langweilen. Zusätzlich besitze ich eine gewisse Verbissenheit oder Sturheit. Ich denke mir: „Okay, da will ich hin und dann will ich dies und jenes machen.“ Mir macht Rausgehen – etwas von mir zeigen, mich ausprobieren – einfach Spaß.
In der agilen Welt sagt man: „Kill your darlings“. Meine Darlings sind mir vielleicht einfach nie so lieb, dass ich nicht gewillt bin, sie rauszuhauen: „Hier, guck mal. Ist gut? Nein? Ist nicht gut? Dann schmeißen wir es halt weg.“ Dann baue ich mir etwas Neues.
Es kommt auch durch den Job, den ich jahrelang hatte. Ein Team zu führen, vor Kunden Dinge zu vertreten und Zahlen zu verantworten, dazu braucht es eine gewisse „Rampensau-Mentalität“. Gerade in einer Telefonkonferenz musst du die Leute bei der Stange halten. Das habe ich gelernt und es macht mir vielleicht weniger aus als anderen.
Das ist eine echte Trumpfkarte auf meinem Weg.
Einfach mal machen
Wenn ich mich früher beschwert habe, dass nichts voran geht, hat mein Vater Kästner zitiert: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Also: Einfach mal machen. Vor allem selber machen, und nicht drauf warten, bis jemand anderes etwas tut.
Was war der Moment, in dem du dich entschieden hast: „Ich mache mich jetzt selbständig!“? Gab es den Point of No Return?
Ja, der war vielleicht schon viel früher als die Kündigung. Es war die Erfahrung, wenig Einfluss zu haben auf die großen Entscheidungen, die im Konzern getroffen werden. Ich hatte zwar einen gewissen Spielraum im eigenen Job und im eigenen Team, aber kam dann doch schnell an Grenzen. Das wollte ich einfach nicht mehr.
Es gab immer wieder Dinge, die wollte ich anders machen. Doch ich habe nicht die Freiheit gespürt zu sagen: „Ich mache es jetzt einfach mal anders!“ Der Wunsch, selbstständig zu arbeiten, war schon da, bevor mir richtig klar war, was es inhaltlich werden soll. Doch das darf sich immer noch weiterentwickeln.
Heute berätst du Teams, die abliefern und mit einem fetten High-Five nach Hause gehen wollen…
Ich durfte in meiner beruflichen Laufbahn so viele unterschiedliche Teamkonstellationen erleben, ich war Teil von Teams und ich habe Teams geleitet. Teams haben so viele Dimensionen: Wie sind sie räumlich verteilt, wie stabil sind sie, wie klar sind sie als Team überhaupt abgegrenzt, wie homogen oder heterogen sind sie zusammengesetzt?
Das ist superspannend.
Virtuelle Teams: für mich vertrautes Terrain
In meiner damaligen Firma schien man anzunehmen: “Wir brauchen nur ein Telefon und dann läuft das mit der Zusammenarbeit wie von allein”. Ich war ganz froh, wenn ich mal reisen durfte (auch wenn es nicht die spannendsten Reiseziele waren). Mit Corona war dann plötzlich überall zu lesen, wieviel anstrengender es sei, den ganzen Tag in Videokonferenzen zu sitzen.
Da dachte ich: „Aha, na so was...“
Deshalb ging es auch in meiner Masterarbeit um virtuelle Teams. Es war ein Feld, in dem ich viel gearbeitet und dabei selbst erlebt habe, wie schwierig und anstrengend das sein kann.
Mich ausprobieren im geschützen Rahmen
Dazu war es super hilfreich, dass man schon Leute kennt, also Netzwerke. Ich habe aus der Women@T-North-Community Unterstützung bekommen, auch wenn ich nicht mehr im Konzern war. Auch mit den Frauen der Life-Story treffen wir uns viermal im Jahr in Hamburg. So lerne ich immer wieder neue Leute kennen, bekomme neue Inspirationen, kann im geschützten Rahmen überprüfen, wie eigene Sachen funktionieren, die ich zum Thema Produktivität entwickelt habe.
Wie zum Beispiel meinen Workshop Entschlossen loslegen, achtsam umsetzen, zufrieden einschlafen! Zuerst habe ich den mit euch getestet; danach habe ich ihn Ladies Mentoring–Netzwerk gehalten.
Sich so ausprobieren zu können, das ist sehr, sehr wichtig gewesen.
Manche Hürden erkennt man erst im Nachhinein
Was war schwierig? Welche Hürden gab es auf deinem Weg zu überwinden?
Ich habe mir nicht früh genug ganz klar die Frage gestellt: „Mit wem will ich eigentlich arbeiten? Was sind das für Menschen?“ Darauf hatte ich am Anfang keine klare Antwort.
Klassischer Anfängerinnenfehler in der Selbständigkeit: Ich wollte erst mal so breit wie möglich aufgestellt sein. Dann ist es aber richtig schwer, eine Ansprache zu finden, die sich authentisch anfühlt. Je besser ich verstehe, mit was für Menschen ich wirklich arbeiten will, desto leichter wird es auch, über meine Arbeit zu sprechen.
Nächste Hürde: Über Akquise wusste ich gar nichts. Das lerne ich immer noch.
Überhaupt wusste ich sehr wenig darüber, wie Selbstständigkeit funktioniert. Heute bin ich froh, vorher nicht so viel gewusst zu haben. Vielleicht hätte ich es sonst nicht gemacht. Man muss sich ja mit sehr vielen Dingen intensiver beschäftigen, die sonst nie ein Problem sind.
Eben dieses Verkaufen. Das machen sonst andere Leute für dich. In der Firma musste ich damals nur dafür sorgen, dass wir liefern. Auch wenn wir uns oft genug darüber aufgeregt haben, dass das, was dem Kunden verkauft worden war, nicht ganz so leicht hinzubekommen war, wie Sales es dargestellt hatte.
Jeden Tag eine neue Entscheidung
Jetzt liegt alles in meiner Hand. Das ist nach wie vor total spannend. Man kümmert sich um alles selbst. Nicht alles funktioniert sofort. Vieles funktioniert einfach gar nicht. Dann probiert man weiter, steht immer wieder vor der Entscheidung: Gehe ich weiter gerade aus? Verlasse ich den Pfad? Versuche ich mal eine Abzweigung nach links oder rechts? Das ist nicht schlimm, aber es ist schon ganz anders als vorher.
Welchen nützlichen Umweg gab es auf deiner Reise?
In meinem alten Job habe ich sehr, sehr viel gelernt. Manchmal habe ich ihn zwar verflucht, doch es war schon nützlich, in diesem Konzern zu arbeiten. Es war wie ein kleiner Dschungel, in dem man viele Menschen trifft, die alle unterschiedliche Dinge gemacht haben (manchmal auch immer wieder dasselbe, ohne dass es wirklich jemanden weitergebracht hat 😉).
Doch ich habe früher nicht gut auf meine Grenzen geachtet.
Da hatte ich so ein BWL-Mindset: „Man muss etwas messen können, damit es einen Wert hat!“ Ich war ständig mit der Frage beschäftigt: „Wie misst man den Wert?“ Mittlerweile habe ich da eine sehr andere Sicht drauf.
Nicht nur Dinge, die man messen kann, sind wertvoll und wenn man sich zu sehr konzentriert auf die Dinge, die messbar sind, dann quetscht man am Ende die Seele aus allem raus, was der Mensch so tut.

Ein nie dagewesener Gestaltungsspielraum
Was bedeutet deine Selbstständigkeit aktuell für dich und dein Leben? Was bedeutet sie für Menschen, mit denen du arbeitest?
Für mich bedeutet es einen vorher nie da gewesenen Gestaltungsspielraum. Ich habe manchmal das Gefühl, ich probiere jetzt aus, was ich Anfang der 20er – direkt nach der Schule – nicht ausprobiert habe. Damals bin ich direkt vom Abi – ohne zu experimentieren – ins BWL-Vernunft-Studium. Jetzt nutze ich die Möglichkeit, auszuprobieren was funktioniert.
So viele unterschiedliche Sachen zu lernen, das finde ich supercool: Ich lasse mich viel mehr davon leiten, was wichtig für mich ist. Muss nichts mehr lernen, was mir nichts bedeutet und nur für andere wichtig war.
Mein Ziel für Teams? Sich wirksam erleben!
Für Menschen, mit denen ich arbeite, bedeutet es Wege zu finden, sich wirksam zu fühlen. Sie sollen nicht länger das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. Nicht länger die Erfahrung machen: „Wir versuchen die ganze Zeit irgendwas und kommen zu nichts…“, sondern dass sie Wege finden, miteinander zu kommunizieren, einen Raum zu finden, der für alle funktioniert. Sie sollen erleben, was es bringt, im Team zu schauen: „Wo wollen wir eigentlich gemeinsam hin? Wie ziehen wir an einem Strang (statt jede/r in eine andere Richtung)? Wie wird es sein, am Ende anzukommen?“
Selbstverteidigung gegen die Einflüsse der Welt,
Es ist so viel los in der Welt heutzutage, es strömt so viel auf uns ein. Deshalb ist es nicht nur die Frage: Wie gut oder schlecht bist du organisiert? Ich sehe es als eine Selbstverteidigung gegen die Einflüsse der Welt.
Man muss hinschauen:
- Wo will ich eigentlich hin?
- Was steht mir dabei alles im Weg?
- Wie komme ich mit so wenig wie möglich Blessuren durch?
Im Produktivitätsbereich klingt das oft nach: „Bam, bam, bam, mach das, dann schaffst du das, da, da, da…“
Doch das ist ja nicht alles. Du kannst zwanzig Tipps bekommen, wie du deine To-Do-Liste machst. Doch du musst eine davon raussuchen, die für DICH funktioniert. Und die ist vielleicht eine andere als die deines Gegenübers. Frag dich auch immer:
- Wie viel Struktur brauche ich in meinem Leben?
- Ist es gut für mich, wenn ich alles durchplane (wie andere, die ihren Tag angeblich in einen 5-Minuten-Takt aufteilen)?
- Wie viel Freiraum brauche ich? Und wann?
Das musst du für dich alles rausfinden und dir natürlich klar sein, wo du hinwillst. Erst dann kann man damit arbeiten:
- Was ist dein System?
- Was sind deine Tools?
- Was ist dein Weg, damit du gut durchkommst?
Einen Schritt weiter statt nur Wassertreten
Ich habe nicht den Anspruch, dich zum Superman zu machen, sondern nur dafür zu sorgen, dass du am Ende des Tages das Gefühl hast „Ich bin einen Schritt weitergekommen auf dem Weg dorthin, wo ich hinwill.“
Auch ich will dieses Gefühl haben, einen Schritt weiter auf mein Ziel zugekommen zu sein und mich nicht nur mit Wassertreten beschäftigt zu haben.
Als Orientierung für Einzelne kann ich das sofort nachvollziehen. Aber wie funktioniert das für Teams?
Bevor man sich im Team darauf einigt, wo man gemeinsam hinwill, gibt es ein paar Hausaufgaben zu erledigen.
Man arbeitet ja nicht im luftleeren Raum. Zuerst schaut man: Was ist unsere Aufgabe als Team? Man ist ja für irgendwas eingesetzt worden. Vielleicht hat das Unternehmen eine Methode, dass z. B. mittels OKRs Ziele aufeinander abgestimmt werden. Vielleicht auch nicht.
➡️TIPP: Du kennst OKR nicht? Hier beschreibt Maren Martschenko, wie es geht.
Vielleicht bekommt man Unternehmensziele vorgesetzt. Vielleicht sind die auch gar nicht so konkret und greifbar.
In funktionierenden Teams steckt viel Arbeit
Trotzdem ist es wichtig, sich als Team dran zu setzen:
- Was bedeuten dieser Auftrag, diese Ziele für uns?
- Was ist denn unsere Mission? Wo wollen wir hin?
- Was ist unser gemeinsames Verständnis unserer Aufgabe?
- In welcher Qualität liefern wir?
- Wie viel Aufwand wollen wir reinstecken?
In der IT zum Beispiel, ist es ein Unterschied, ob das System einfach „nur“ laufen soll. Oder wollen wir noch einen Service dazu bieten, und geben dem Kunden Empfehlungen dazu: Du könntest dort Kapazitäten einsparen, da noch einen anderen Service zubuchen, der nützlich ist. Du kannst dort ein bisschen mehr Housekeeping machen, dann hast du da weniger Aufwand …, was auch immer.
Gerade im Bereich Service – diesem Gesamtpaket, das der Kunde kauft, wenn er Betrieb der IT Systeme bestellt – gibt es oft Konflikte. Menschen haben ein unterschiedliches Verständnis davon, wie guter Service aussehen soll.
Dazu kommt ganz klassisch die Verteilung der Rollen. Wer macht eigentlich was? Das bedeutet nicht: Wer hat welchen Jobtitel? Sondern: Was machen wir tatsächlich? Wer fühlt sich wofür verantwortlich? Ist das klar abgegrenzt? Gibt es Überlappungen? Macht jede/r ungefähr das, worin er/sie gut ist? Oder werden da Leuten Sachen „übergezogen“, die ihnen nicht liegen? Das bringt nichts. Nur suboptimale Ergebnisse und Unzufriedenheit.
Dauerbrenner Kommunikation
Ein Dauerbrenner: Wie kommunizieren wir?
Wollen wir wirklich noch E-Mails schreiben? Oder wie nutzen wir Chat?
Wie teilen wir Aufgaben auf?
Nehmen wir ein Ticketsystem oder ein Kanban-Bord?
Ist es okay, nachts noch was zu schreiben?
Dazu kommt die Sache mit den persönlichen Zielen.
Jede/r kommt ja aus einem anderen Umfeld. Die einen haben vielleicht Kinder, andere gesundheitliche Probleme. Die nächsten wollen ihren Sportverein ehrenamtlich unterstützen. Manche wollen gerne bis Mitternacht arbeiten, aber bis Mittag schlafen. All diese Sachen muss man im Team mal besprochen haben: Wo sind die Wünsche? Alle wird man nicht erfüllen können. Aber worauf einigen wir uns?
Spricht man über diese vielen Dinge, kann es einfacher werde. Wenn ich weiß, ich kann mich austoben und abends um neun Uhr noch E-Mails schicken, dann setzt das niemanden unter Druck. Ich kann morgens aber auch ausschlafen, weil wir das so vereinbart haben. Dann ist das was ganz anderes, als wenn ich nie weiß, kann ich jetzt gehen? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben?
An deinen Beispielen erkennt man die erfahrene Praktikerin. Du kennst dich wirklich gut aus. Wer wird sich ärgern, wenn er nicht – oder zu spät – mit dir gearbeitet (und sich stattdessen lieber weiter gequält) hat?
Zum einen sind das alle Unternehmen, in denen Nörgeleien an der Tagesordnung sind. Niemand ist so richtig glücklich, nichts funktioniert reibungslos. Doch sie unternehmen auch nichts. Dazu kommen Einzelne, die die ganze Zeit versuchen, Anforderungen abzuarbeiten und trotzdem das Gefühl haben, nicht hinterherzukommen.
Es sind auch Teams:
- die keine neuen Ideen entwickeln, weil sie im eigenen Saft schmoren. Doch sie schaffen es nicht, miteinander zu reden.
- aus denen nach und nach die talentierten Menschen verschwinden.
- die es nicht schaffen, Ergebnisse pünktlich oder in der vereinbarten Qualität abzuliefern.
- denen der Teamgeist abhandengekommen ist.
- die mehr Energie darauf verwenden, Probleme vor den Kunden zu verstecken als sie anzugehen.
- die frisch zusammengesetzt sind und sehr sehr schnell einen Arbeitsrhythmus finden müssen, bevor die ersten Deadlines fällig werden.
- in denen es Konflikte zwischen den Generationen gibt, die nicht adressiert werden.
Der letzte Punkt erinnert mich daran, dass du während der LifeStory auch viele kreative Ideen hattest, wie du dazu beitragen kannst, das Leben von Senior:innen zu verbessern. Auch aktuell hast du was am Start. Was bewegt dich so an diesem Thema?
Mit Alter anders umgehen
Ich habe immer nach vorne geblickt, hatte ein Bedürfnis zu sehen, was kommt. Sagen wir so – ich gucke schon bis ans Ende, tatsächlich bis an mein Lebensende. Stelle dabei fest, dass meine Wahrnehmung davon, wie wir heute altern, nicht rosig aussieht.
Dachte ich als Teenager noch: „Ich will mal alt und weise werden“, denke ich mittlerweile, dass das mit der Weisheit wahrscheinlich schon viel früher passiert. Aber dann wird es schwieriger. Ich finde, wir gehen weder mit dem Altern noch mit Älteren gut um. Ich möchte später nicht so behandelt werden.
Gleichzeitig sehe ich, dass wir wahnsinnig viele Technologien haben, die uns das Leben leichter machen. Die würden auch super für Ältere funktionieren. Daher kam damals diese Senior-und-IT-Idee.
Aber ich bin keine Ingenieurin, kann nicht selber Technologien für Ältere entwerfen. Damit hat sich dieses Interesse weiterentwickelt. Heute arbeite ich mit einer ehemaligen Kollegin zusammen an der Webseite altershelfer.de.
Dort wenden wir uns an die Kinder derer, die jetzt gerade im hohen Alter sind und vielleicht Hilfe brauchen. Wir stellen Wegweiser auf, wenn die eigenen Eltern oder andere Zugehörige nicht mehr so richtig alleine klarkommen. Dort kann ich meine Skills sehr viel besser einsetzen.
Was kann man Mama, Papa, Oma, Opa an Technologien hinstellen, die das Leben interessanter machen? Zum Beispiel könnten sie mit Duolingo eine Sprache wieder auffrischen, die sie früher mal gelernt haben. Oder lass sie mit der KI reden, das ist super. Oder online Zeitungen lesen.
Doch es gibt auch praktische Fragen:
- Wie organisiert man einen Pflegeplatz?
- Was gibt es für Finanzierungshilfen?
- Wo findet man Hilfe als Angehörige, sich auszutauschen?
Da gibt es ja schon ganz viel. Ich muss nicht selber was erfinden, was ich nicht kann, sondern mein Ziel ist zusammenzubringen, was schon da ist.
Ich will im Alter nicht so behandelt werden, wie man heute Ältere behandelt
Meine Absicht dabei: Wenn ich mal so alt bin, können wir besser darüber sprechen, bin ich auch persönlich besser darauf vorbereitet, und arrangiere mich besser damit, älter zu werden oder alt. Viele blenden aus, dass man schwächer und oder kränker werden könnte. Dabei kann es jedem passieren. Die Frage, die mich bewegt: „Was kann ich da noch?“
Ich bin überzeugt, das ist eine ganze Menge. Auch im Alter kann man noch dazulernen. Allein schon Zurechtzukommen, ohne dass man richtig sieht, richtig hört, sich nicht mehr richtig bewegen kann. Man muss ja seinen kompletten Alltag umorganisieren, sich anpassen. Das ist eine riesengroße Lernleistung.
Kurz gesagt: Ich befasse mich mit diesem Thema, weil ich davon ausgehe, dass es irgendwann mal für mich relevant wird. Ich möchte vorbereitet sein.
Wenn du sagst „Ich möchte im Alter nicht so behandelt werden, wie man Ältere heute behandelt.“, entdecke ich hier wieder diesen roten Faden „Wollen. Nicht müssen!“ In unserer letzten Session der LifeStory hast du eine Entscheidung getroffen: „Ich entscheide mich für meinen Rhythmus!“ Dazu hatte ich euch gebeten, ein Manifest zu verfassen. Wie aktuell ist das heute noch?
Die Punkte sind nach wie vor relevant.
Lernen braucht keinen Zweck. Ist manchmal schwer. Oft denke ich: „Es muss sich am Ende rentieren.“ Aber so funktioniert das nicht. Manchmal setzt man sich mit Dingen auseinander, aus denen entstehen dann neue Ideen. Der Punkt darf gern ein bisschen größer werden.
Im Zweifel gehe ich davon aus, dass es gut genug ist. Das kann ich mittlerweile ganz gut. Klar habe ich in ausgewählten Projekten gern noch ein Schleifchen dran. Doch oft reicht auch gut genug.
Es ist okay, nicht da zu sein. Ich übe mich im Absagen. Auch wenn es mir noch sehr schwerfällt, weil ich oft denke: „Ich enttäusche die Leute so doll.“ Dabei ist das totaler Quatsch. Ich glaube, viele sind dankbar, wenn mal was ausfällt.
Wollen. Nicht müssen. Ja, das bleibt nach wie vor relevant. Denn es kann so viel Schwung geben, wenn man dem Wollen einfach folgt.
Zu anstrengend, sich in Schablonen zu pressen
Klar, manche Sachen muss man im Leben tun. Wir leben in einer Gesellschaft zusammen. Da gilt es, gewisse Kompromisse zu machen, sich an gewisse Regeln zu halten. Das ist schon richtig so. Aber sich komplett zu verbiegen, sich in Schablonen zu pressen oder vorgegebenen Lebenswegen folgen zu wollen, das ist unglaublich anstrengend.
Es fühlt sich an, wie in ein Gummiband reinzulaufen, das zwischen zwei Bäumen gespannt ist. Man läuft immer weiter, kommt vielleicht auch ein ganzes Stück. Doch irgendwann schleudert es einen mit Wucht zurück. Dann weißt du nicht, wo du landest und musst erst mal gucken, dass du wieder einen Weg findest.
Es lohnt sich mehr, auf sein WOLLEN zu hören
Deswegen lohnt es sich viel mehr, auf sein Wollen zu hören.
Oft ist die Antwort auf eine bestimmte Frage ja schon in uns. Man muss (sich) nur zuhören.
Zum Beispiel war mir Storytelling immer suspekt: „Was soll denn da rauskommen?“, fragte ich mich immer. Aber neulich bei diesem StoryCircle war ich sehr fasziniert, was aus einer halben Stunde erzählen plötzlich an Erkenntnissen entsteht.
Ich habe immer gerne eine Anleitung. Schritt eins, zwei, drei, vier, und dann kommst du am Ende irgendwo raus. Klar hat auch eine Geschichte eine Struktur, aber die fließt, sie mäandert so unscharf… Zu entdecken, dass auch auf diese Art gute Erkenntnisse, ein Sinn zustande kommen, da lerne ich sehr viel von dir.
Immer die richtige Intuition
Gibt es aus deiner Sicht noch andere Gründe, mit mir zu arbeiten?
In der Gruppe hast du ein so cooles Talent, Leute zusammen zusammenzubringen, ein tiefes Gespür dafür, wer zusammenpasst. Das ist wie bei der Collage in der LifeStory, über die wir vorhin gesprochen haben.
Auch beim StoryTeller an deinem Küchentisch, gibt es interessante Kombinationen von Menschen, wo du die Leute einfach super zusammenbringst. Man fühlt sich sofort wohl.
Du hast immer die richtige Intuition dafür, was dein Gegenüber gerade braucht. Im Einzelcoaching erinnere ich mich gut, dass wir mal um die Alster gelaufen sind. In dieser Session war ich innerlich so chaotisch, dass ich es im Raum nicht aushalten konnte. Ohne ein Wort von mir hast du gemerkt, da ist was, das ich noch nicht mal selbst artikulieren konnte. Du hast es angesprochen und ich habe bekommen, was mir gutgetan hat.
Orientierung selbst im Nebel
Manchmal sagst du: „Hier ist eine komische Stimmung im Raum. Lasst uns da mal reinbohren.“ Ich glaube, dieses „Reinbohren“ ist auch so ein Ding, das du gut kannst. Da habe ich Respekt davor. Du hast diese Gabe, Dingen auf den Grund zu gehen. Behutsam und sanft, aber konsequent. Auf jeden Fall kommst du am Grund an. Jeden Versuch, sich hinter bequemen Ausreden zu verstecken, bekommst du mit.
So „zauberst“ du manchmal auch Erkenntnisse hervor, von denen man gar nicht wusste, dass man damit ein Thema hatte. Das ist echt bereichernd.
Deshalb klare Empfehlung: Wenn jemand ein diffuses Gefühl hat, was für sie oder ihn als Nächstes dran ist, wenn man sich orientierungslos fühlt, irgendwie im Nebel steht, geh zu Katrin. Lass dich drauf ein, und sie wird dich leiten und dich halten, wenn du versuchst, wegzulaufen. Aber niemals so, dass es unangenehm wird.
Die Arbeit mit dir bringt einfach so viel Klarheit, wenn man nicht genau weiß, wo man steht, was man braucht, wohin man will und wie man dort hinkommt. Man bekommt so viel mehr Zufriedenheit.