Selftalk: Welche Geschichte erzählst Du Dir?

Welche Richtung wir im Leben einschlagen, welchen Weg wir gehen, ob uns dieser Weg steinig, qualvoll, unerträglich schwer erscheint oder eher wie eine abenteuerliche Reise voller Herausforderungen – das hängt davon ab, welche Geschichte wir uns selbst täglich erzählen.

Neulich habe ich ein Gedicht geschenkt bekommen. Das erzählt genau davon.

VERSUS

 

ich kann es nicht                                  ich kann es gut

ich will es nicht                                     ich entscheide mich dafür

ich mühe mich ab                                 ich hole mir Unterstützung

ich suche und suche                            ich finde und finde

ich habe schwere Aufgaben               ich beginne mit kleinen Schritten

ich schaffe das nicht                            ich meistere diese Aufgabe

ich bin müde vom kämpfen                ich finde bestimmt eine lösung

es zu spät                                                es ist nie zu spät

                                                                  zu hoffen, zu wünschen, zu lernen, zu wagen,
zu lieben

ich weiß nicht, wer ich bin                  ich mache mich auf den weg

 

MICH KENNENZULERNEN

 

 

Danke, liebe Marianne Grundmann

Ja sagen und versteckte Chancen nutzen

Manchmal ist auch ein Ja schweren Herzens sinnvoll, denn man kann nie absehen, welche Optionen sich aus dem nächsten Schritt noch ergeben“, rät Regina Mehler. Sie ist Expertin für Innovation, Querdenken und Marketing-Strategien.

Wie wichtig ist es Nein zu sagen, um beruflich und privat erfolgreich zu sein?

Das ist extrem wichtig. Ich sollte mir darüber im Klaren sein, was ich erreichen will. Umso klarer und fokussierter ich bin, desto schneller kann ich Ja sagen oder Nein sagen. Als ich selbst in Richtung Europe für meinen letzten Arbeitgeber gehen sollte, wäre damit verbunden gewesen, nach England oder in die USA gehen zu müssen. Ich habe innerlich gespürt, dass die Zeit einfach durch war, dass das keine Option mehr für mich war. Ja, alle waren überrascht über mein Nein. Doch die Klarheit des Nein hat beide Seiten vorangebracht.

Wie sagen Sie diplomatisch und gekonnt Nein?

Ich wähle immer den empathischen Weg. Zuerst gehe ich auf die Bedürfnisse des anderen ein. Um im dritten Satz dann ein klares Nein zu formulieren.

Was war das lehrreichste Ja, das Sie bislang ausgesprochen haben?

Ich hatte vor einigen Jahren das Angebot, meinen damaligen Job nicht mehr aus Deutschland heraus zu machen, sondern von Zürich aus zu arbeiten. Mir schwebte aber vielmehr 
England oder USA als nächster Standort vor, was zu diesem Zeitpunkt aber keine Option war. Also sagte ich schweren Herzens Ja.

Der Start war nicht einfach, aber nach kurzer 
Zeit ergab sich die neue Möglichkeit für das Unternehmen den russischen Markt aufzubauen. Und dies war einer meiner größten Erfolge überhaupt. Ich mochte die Möglichkeit, aus 
Nichts etwas Neues zu entwickeln.
Mein Learning bei der Sache war, dass man nicht immer absehen kann, welche Optionen sich aus dem nächsten Schritt ergeben können. Und wenn es
 sich gerade nicht besser beeinflussen lässt, dann sollten man zumindest versuchen, mit der weniger charmanten Alternative zu starten und zu sehen wie es sich vielleicht doch entwickeln lässt.

Regina Mehler ist Expertin für Innovation, Querdenken und Marketing-Strategien. Seit mehr als zwanzig Jahren hat sie unterschiedliche IT-Marken auf- und ausgebaut sowie erneuert und erhielt dafür unter anderem den Europäischen Corporate Design Award in Gold. 2010 gründetet sie die Women Speaker Foundation, inzwischen größter „Pool of Female Excellence“ mit dem Ziel, die Frauen auf die Bühne zu bringen, die etwas zu sagen haben. Mit 1st-row unterstützt sie Menschen, ihre Positionierung zu klären und sich zu einer Personal Brand zu entwickeln –  empathisch, wertschätzend und auf Augenhöhe.

 

Liebe Mut und Sterben – ein Tag auf der Frankfurter Buchmesse

Samstagmorgen, kurz nach zehn. Ich quelle mit gefühlt hunderttausend anderen Menschen aus der S-Bahn. Station Frankfurt Buchmesse. Seit ich vor mehr als 25 Jahren meine Buchhändlerkarriere an den Nagel gehängt habe, war ich nicht mehr hier – doch die alte Liebe zu Büchern und Geschichten war stärker. Zugegeben, in dem Augenblick als die S-Bahn abfährt und mich allein im Gewühl zurückläßt, zweifle ich kurzzeitig an dieser Liebe. Sofort ist mir wieder klar, dass wer ein Fachbesucherticket hat und in Ruhe über die Messe schlendern will, das tunlichst in der Woche tun sollte.

Katrin Klemm Buchmesse Frankfurt 2015 Doch was soll’s jetzt bin ich hier – und eine alte Liebe lässt man einfach nicht stehen – auch wenn mich die Wochenendbesuchermenschenmasse in den Gängen fast erschlägt. Mutig lasse ich mich weiterschieben. Schließlich habe ich mir einen toughen Zeitplan erstellt – meine Projektmanagerkrankheit aus alten Tagen (über ein Jahrzehnt Berufserfahrung und Leidenschaft kann man nicht einfach ablegen) – auch auf der Messe will viel schaffen, viel sehen, viel reden. Ganz gleich wer sich mir alles in den Weg stellt. Na dann…

Zuerst natürlich zum Tredition Verlag, der Heimat von Teil 2 unserer Bella Reihe. Tredition Verlag Katrin KlemmBei ihrer Verlosung hab ich mein Ticket gewonnen. Danke herzlich an Nadine Otto, die Marketingleiterin, die mit ihrer sympathischen Stimme tapfer gegen den Messelärm anarbeitet. Hut ab vor allen, die in diesen Messehallen mehrere Tage durchhalten.

Später treffe ich motivierte Autoren, lande unvorbereitet auf einem Fachpodium, lasse mich von der Idee des
responsiven Lesens anstecken und bin gegen fünf völlig erschöpft. Podium Katrin Klemm

Die Menschenmassen, die Hallenluft und der Lärm haben mich platt gemacht. Doch wie so oft im Leben, sobald Du keinen Plan mehr hast und einfach loslässt, schenkt es Dir die berührendsten und inspirierendsten Entdeckungen…

Von einem unscheinbaren Bücherregal blinzeln mich Tiere an. Wundervoll gezeichnet: ein Fuchs, ein Spatz, ein Irgendwas. Ich bin bei ganz großen Themen des Lebens angekommen: Liebe, Mut und Sterben. Mit so schlichten Worten in so überzeugende Geschichten gebannt, dass ich sie hier unbedingt vorstellen muss.

„Manchmal liebe ich dich so sehr, dass ich dich doppelt haben möchte.“ Was so beginnt, könnte kitschig weitergehen. Da bist du jaTut es nicht. Versprochen. Ganz im Gegenteil. “Da bist du ja” der Titel von Lorenz Pauli und Kathrin Schäfer ist viel mehr als nur ein Kinderbuch.

Das Buch daneben ist vom gleichen Autorenpaar, dazu springen Schnecke, Maus und Frosch übers Cover. Wer ist im Wettkampf der Mutigste? Was ist Mut wirklich? “Mutig mutig” gibt eine unerwartete Antwort, die erst recht Mut macht und genau zu Bellas Working Women passt.

Und dann linst mich noch ein Fuchs Tod Apfelbaumvon unten herauf an. Schlau wie Füchse nun mal sind, hat er den Tod überlistet. Wie er das macht steht in “Der Tod auf dem Apfelbaum”. Doch was heute richtig ist, kann morgen schon ganz anders sein. Oder haben Sie schon mal überlegt, wie lange Sie leben wollen? Was Sie brauchen damit das Leben für Sie lebenswert ist? Wie sehr Liebe und Mut dazugehören?

Am Ende des Tages bin ich fix und fertig. Doch ich habe es überlebt. Und nicht nur das. Ein prall gefüllter Tag. Mit Menschenströmen, die man auch umgehen konnte, inspirierenden Gesprächen, den großen Themen des Lebens.

Genau so muss es sein, damit neue Geschichten beginnen können.

Sobald ich weiß was ich will, ist Mut ganz einfach

 

Düsseldorf Mai 2015. Ausgelassen dröhnen die Rhythmen aus den Boxen. Es glitzert und flimmert. Strassbesetzte Tanzkleider, elegante Fräcke, viel Haut konkurrieren um das auffälligste Outfit. Das gehört dazu, wenn die besten Paare Deutschlands und Europas um die Titel bei den Offenen Deutschen Meisterschaften im Equality Tanzsport kämpfen.

C-Klasse Latein der Damen: Der Auftakt zu einem Jive. Plötzlich stolpert der Blick. Was ist das? Eine Jeans zwischen all dem Glamour? Mutig oder einfach nur tollkühn in dieser Glitzerwelt? Ich trau meinen Augen nicht. Das ist doch Melani, die mir vor einer halben Stunde noch erzählt hat, sie sei nur zum Zuschauen hier, eine feste Trainingspartnerin habe sie noch immer nicht gefunden. Und was ist das dann bitte? Im Moment legt sie gerade mit Jacky ein Feuerwerk aufs Parkett.

Im Finale tanzen noch sieben Paare. Am Ende erobern sich Jacky Logan (London) & Melani D. (Wismar) mit der Startnummer 37 einen glänzenden dritten Platz auf dem Treppchen. Bronze in der C-Klasse Latein.

Von Null auf Hundert. In Jeans. Denn darauf kommt es nicht an…

„Ich wusste nicht was auf mich zukommt und hab das Beste draus gemacht“

Jetzt ich es wissen. Mit der Frau muss ich reden.

Katrin: Wie kam es zu diesem spontanen Auftritt?

Melani: Eigentlich wollte ich schon vor zwei Wochen mit einer Tanzpartnerin, die ich gerade ein paar Tage kannte, in Berlin zu einem Turnier antreten, endlich Equality tanzen. Ich bin schon seit Jahren auf der Suche, doch nie hatte es geklappt. Bisher hatte ich nur im traditionellen Tanzsportbereich mit Herren getanzt. Selbst wenn ich mich eigentlich nicht gern unvorbereitet auf die Tanzfläche stelle, sagte ich damals „Was soll’s wir probieren das jetzt einfach aus.“ Doch kurz vor dem Auftritt wurde mir klar, dass die Chemie, die beim Tanzen so unglaublich wichtig ist, überhaupt nicht stimmte. Deshalb hab ich auf mich gehört und es abgeblasen. Auch wenn ich sehr enttäuscht war.

So bin ich nach Düsseldorf nur zum Zugucken gekommen. Abends auf dem Ball wollte ich ein bisschen schwoofen – das geht immer. Jacky kannte ich flüchtig, wir waren uns in London mal auf einem Turnier begegnet. Sie war die Organisatorin, ich wieder mal nur Zuschauerin. Deshalb war ich komplett überrascht, als Jacky mich ansprach: „Willst Du mit mir tanzen?“ „Auf dem Ball heute Abend?“ erwiderte ich. „No – jetzt gleich“, gab Jacky zurück. Ihre Tanzpartnerin hatte sich bei einem Sturz am Vortag ernsthaft verletzt und so konnte das Paar nicht mehr antreten. Meine Entscheidung fiel innerhalb von Sekunden: „Ja, ich will“.

„Was hast du zu verlieren“, hab ich mir gedacht

Ich bin zum Schwoofen hier. Dann kann ich doch auch gleich damit anfangen. Mit Jacky. Ich will Spaß haben und deshalb tanze ich. Und ich wollte Jacky etwas zurückgeben. Sie hat mir eine Chance gegeben – so unerwartet. Da hab ich sie ergriffen.

Katrin: Spaß haben…? Für die meisten bedeutet Turniertanz jahrelanges hartes Training. Und Du willst einfach Spaß haben?

Melani: Turniertanz – da steht bei mir nicht der Wettbewerbsgedanke im Vordergrund. Wenn ich tanze, dann will ich fürs Publikum tanzen. Ich will sie mit meinem Gefühl anstecken. Ich spür die Musik in mir. Auf dem Parkett hab ich die Chance, genau das zu teilen. Ich will sie begeistern mit dem was ich tue. Die Freude am Tun, die ich in mir trage, soll das Publikum spüren können. Und diese Freude ist ganz unabhängig davon mit wem und wie gut ich tanze. Also hab ich nicht groß drüber nachgedacht.

Tanzen ist mein Leben, ich habe schon ganz früh angefangen – immer fehlte ein Tanzpartner. Dann kam der Moment, in dem ich zwei Frauen tanzen sah und dachte „Wow, so wie die will ich auch tanzen“. Die Leidenschaft wohnt praktisch in mir. Es gibt nichts Wichtigeres in meinem Leben. Ja, auch in meinem Beruf als Lehrerin bin ich leidenschaftlich und dort ist mein Glück nicht so an andere geknüpft. Doch zum Paartanzen braucht man nun mal eine/n Tanzpartnerin.

Katrin: Gab es auf dem Parkett Ängste oder Zweifel?

Melani: Ab dem Moment, als ich zu Jacky sagte „Lass es uns probieren“ hatte ich keinen Augenblick mehr Zweifel an mir selbst. Jacky führt. Ich folge. Viel wichtiger war mir, Jacky die Sicherheit zu vermitteln, dass das mit mir schon passt, dass es ihr gelingen wird, mich zu führen.
Ich habe mich allein darauf konzentriert was in diesem Augenblick wichtig war. Ich musste nur spüren was sie von mir möchte und mich dann darauf einlassen. Und das hat sich großartig angefühlt, nicht nur bei den paar Minuten, die wir uns im Flur eingetanzt haben. Sondern auch auf der Tanzfläche. Wenn Dinge einfach funktioniert haben, die wir vorher kein einziges Mal geübt hatten…

Katrin: Welche Deiner persönlichen Stärken hast Du eingesetzt?

Melani: Ich kann mich gut einlassen, kann sehr deutlich reagieren, wenn ich klare Signale bekomme. Zum Beispiel beim Führungswechsel im Jive (Anmerkung: Es ist charakteristisch für den Equality Tanzsport, dass Führende/r und Folgende/r die Rolle wechseln. Das erlaubt raffinierte Choreografien, stellt aber besonders hohe Ansprüche an beide Tanzpartner/innen). Ich hatte vorher keine Ahnung, wo man das einbauen kann. In dem Moment als von Jacky der Impuls kam „Jetzt bist du dran“ hab ich einfach gemacht. Ich habe mich einfach nur gefreut, tanzen zu können, das Publikum mit meiner Freude anzustecken und es hat wunderbar funktioniert.

Außerdem ist mir klar, dass ich eine gute Portion an Selbstdarstellungswillen brauche, wenn nicht nur die Blicke des Publikums sondern auch die Augen der kritischen Wertungsrichter auf mich gerichtet sind. Turnier bleibt Turnier. Doch in dem Moment in dem ich mich da hinstelle weiß ich das und mag ich das.

Katrin: Die Finalrunde der sieben Paare war vorbei, die Siegerehrung stand bevor. Was ging Dir durch den Kopf?

Melani: Puh, wir hatten es ohne jegliche Vorbereitung ins Finale geschafft, da konnten wir ja froh sein, wenn wir einen siebten Platz erreicht hatten. Als die Paare aufgerufen wurden, dachte ich die ganze Zeit „Jetzt, jetzt höre ich gleich meinen Namen“. Platz 7, Platz 6, Platz 5 … noch immer keine Startnummer 37. Platz 4 – wir sind es nicht – jetzt blieben nur noch die Medaillenplätze. Da flog meine Hand wie von allein hoch zur Siegerfaust. Da war ich schon sehr stolz.

(off the records: still bei sich hatte sie gedacht „Wie großartig ist das denn, jetzt habe ich ohne Vorbereitung und in Jeans andere abgehängt die monatelang trainiert haben und im super Outfit angetreten sind.“  Ihrer Kollegin erzählte sie am Montag danach, sie hätte ja eigentlich nicht viel geleistet. Sie habe ja nur getan, was sie gern tut und dafür noch eine Medaille bekommen.)

Katrin: Jetzt bist Du zurück im Alltag – wie geht es weiter?

“Ich mach einfach.”

Melani: Naja, im Alltag nehme ich mich stärker zurück – da ist mir die Rampensau eher fremd. Und doch stelle ich mich immer wieder mir unbekannten Situationen. Ich glaube, ich mach einfach. Natürlich frage ich nach, was genau man von mir erwartet. Doch weil ich hinter den Dinge stehe, die ich tue, gelingen sie. Und die Suche nach einer Tanzpartnerin geht natürlich auch weiter.

Katrin: Dein Tipp an andere Frauen, damit Sie es in ihrem Job aufs Treppchen schaffen?

Melani: Habt den Mut etwas zu tun, einfach zuzupacken, wenn sich eine Chance bietet. Auch dann wenn ihr noch nicht hundertprozentig genau wisst, was zu tun ist. Mach dir deine Stärken klar und dann vertraue darauf.

Bildquelle: Flickr/ Dörte Lange